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Kultur im Norden Verlierer und andere Gewinner
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19:14 07.06.2016

Lübeck. „Boris Becker ist heiliggesprochen worden, da war er noch ein halbes Kind. Der Papst ist heiliggesprochen worden, da war er schon tot, was natürlich der bessere Zeitpunkt ist, man hält dem Erwartungsdruck dann leichter stand.“ So sieht es aus, wenn jemand mit Sprache umgehen kann. So sieht es aus, wenn Holger Gertz schreibt.

Er tut das seit 15 Jahren für die „Süddeutsche Zeitung“, vor allem auf der Seite 3. Es sind Reportagen und Porträts, wie man sie selten findet in Deutschland. Sie erzählen einem viel über die handelnden Personen. Sie erzählen einem aber auch viel über Holger Gertz und wie er seinen Beruf versteht. Das ist kein Schreiben von oben herab, sondern eines der Zugewandtheit. Er ist genau und wahrt eine Distanz, aber er denunziert nicht. „Man muss die Leute lieben, sie verstehen, nicht richten“, hat er mal gesagt.

Daran hält er sich in diesem Buch, in dem zwei Dutzend seiner wunderbaren Geschichten versammelt sind. Es findet zwar zur Europameisterschaft auf den Markt, und es dreht sich auch meist um Fußball, aber nicht nur.

So porträtiert er Boris Becker, der mit 17 und „bullerbüartig frisiert“ Wimbledon gewann und sich danach in seinem Leben verlief. Er besucht zwei alte österreichische Fußballhelden, Hans Krankl und Willy Kreuz, der eine heute noch ein Star, der andere Chef in seinem Kiosk. Rolf Töpperwien taucht auf, der als ZDF-Reporter noch die Schuhgröße des Linienrichters kannte und für sein „Tor durch Kalle Blomquist!“ in einem Spiel gegen Schweden mal den Entenorden des Karnevalsvereins Rote Funken Recklinghausen bekommen hat. Gertz schreibt von den Siebzigerjahren, „als die Fußballer noch nicht aussahen wie italienische Dressmen, sondern wie Bottroper Hausmeister“. Und er schreibt vom 7:1 der Deutschen gegen Brasilien und den weinenden Brasilianerinnen, denen das Make-up übers Gesicht lief.

„Vielleicht wegen der Tränen, vielleicht wegen des Regens. Wahrscheinlich wegen beidem. Regen und Tränen. Was für eine WM.“

Ihn haben Verlierer immer mehr interessiert als Gewinner, schreibt er. Sie hätten mehr Tiefe, zumal wenn sie am Ende doch noch gewinnen sollten. Gewinner und Verlierer. Was für ein Buch. int

„Das Spiel ist aus. Geschichten über das Verlieren“ von Holger Gertz, Deutsche Verlags-Anstalt, 240 Seiten, 16,99 Euro

LN

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