Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden „Verzweifelt deutsch“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Verzweifelt deutsch“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:22 19.12.2017
Vor der Naziherrschaft: Katja, Monika, Michael, Elisabeth, Thomas, Klaus und Erika Mann (v.l.) auf Hiddensee im Jahr 1924. Quelle: Foto: Ullstein Bild

Wenn sich spätere Generationen ein Bild von den geistigen und politischen Wirrnissen im 20. Jahrhundert aus deutscher Sicht machen wollen, werden sie in den Werken, Aktivitäten und Erlebnissen von Thomas Mann und seiner umtriebigen Familie, einem „Jahrhundertclan“, fündig werden. Der Autor der „Buddenbrooks“ hatte sich schwer getan damit, sein Vaterland 1933 auf Dauer zu verlassen, war er doch in der deutschen Sprache und Kultur zu stark verwurzelt.

Berlin/Lübeck. Der Literaturnobelpeisträger Thomas Mann gilt nicht nur als der wohl berühmteste deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, er und seine ungewöhnliche Familie haben auch Zeitgeschichte geschrieben. Das dokumentiert eine Hörbuch-Edition mit fast 22 Stunden Originalton-Dokumenten.

Seine Bücher seien „verzweifelt deutsch“, meinte er einmal. Und auch im Ausland habe er „als Deutscher zu den Deutschen“ gesprochen. „Vorsicht ist geboten bei allen Personen namens Mann“, warnte 1936 in Hitler-Deutschland das Ordnungsamt seiner Vaterstadt Lübeck. Seine unermüdlichen Appelle an die „Deutschen Hörer!“ über die BBC sind in der Hörbuch-Edition in Ausschnitten enthalten. „Kann ein Volk tiefer sinken?“ lautete damals seine anklagende Frage an seine Landsleute. In seinem Vortrag im Goethe-Jahr 1949 über „Goethe und die Demokratie“ erinnerte Mann an die Warnungen des 78-jährigen Goethe vor einem „pedantischen Dünkel“ der Deutschen, wenn sie „nicht aus den engen Kreisen unserer eigenen Umgebung hinausblicken“. Er selbst sehe sich gerne bei fremden Nationen um und rate es jedem, es auch seinerseits zu tun.

Was die neue Edition besonders interessant macht, sind die zusammengetragenen Originaltondokumente auch der anderen Familienmitglieder. Katia Mann erzählte, dass ihr Mann in der Familie ihrer Mutter manchmal spöttisch der „leberleidende Rittmeister“ genannt wurde, weil er „so blässlich und schmal“ gewesen sei. Wenn das Familienoberhaupt einmal vermeintlich ironisch über den Mann-Familienclan bemerkte, „wir sind schon eine erlauchte Versammlung, aber einen Knacks hat jeder“, dann mag er selbst auch einen gewichtigen Anteil daran gehabt haben, wenn man zum Beispiel die Erzählungen über die manchmal auch „bedrückende Atmosphäre“ im Elternhaus von Golo Mann hört. „Gespielt hat er nicht mit uns“, sagte der spätere Historiker über seinen Vater. Kinder seien für den Vater eher eine Bedrohung seiner Arbeitsruhe gewesen, die sei für ihn wichtiger gewesen. Die Ehefrau und Mutter sei für den Schriftsteller „völlig unentbehrlich“ gewesen.

Tochter Erika wiederum war für den Literaturnobelpreisträger, der nur mühsam die englische Sprache erlernte, im amerikanischen Exil unentbehrlich. Sie half bei Übersetzungen und begleitete ihren Vater auf seinen zahlreichen Vortragsreisen, bei denen er die Amerikaner von der Notwendigkeit des Krieges gegen Hitler-Deutschland überzeugen wollte. Sein letztes Lebensjahr sei für Thomas Mann sein „Erntejahr“ gewesen, meinte Erika Mann. „Es brachte für ihn endlich, jedenfalls weitgehend, ein Ende der Anfeindungen, die Versöhnung mit Deutschland und sogar die überfällige Versöhnung mit der Vaterstadt Lübeck, die ihm ja gram gewesen war schon wegen der ,Buddenbrooks’.“ Oder, um mit Tucholsky leicht abgeändert zu sprechen, „halb Lübeck saß auf dem Sofa und war beleidigt“.

Das Hörbuch

„Der Kreis des Zauberers. Thomas Mann und Familie. Gesammelte Ton- und Filmdokumente“ lautet der Titel der Hörbuchedition aus dem Hörverlag, herausgegeben von Robert Galitz und Kurt Kreiler.

Darin sind nicht nur schriftlich überlieferte Zeugnisse wie Erzählungen und gesellschaftspolitische Essays und Vorträge enthalten, sondern auch zahlreiche erhaltene Originaltondokumente. Die Hörbuchedition umfasst 17 CDs und eine DVD. Sie ergänzt und erweitert schon früher dazu veröffentlichte Hörbücher. 62,95 Euro.

Wilfried Mommert

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Larifari ist Zauberer und Erfinder. Die Jubelmaschine etwa, die stammt von ihm. Nur, sie funktioniert nicht richtig, wie so manches im Wichtelland nicht richtig funktioniert. Aber Länder, in denen alles funktioniert, braucht ja auch kein Mensch.

19.12.2017

Das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) ehrt die amerikanische TV-Moderatorin Oprah Winfrey (63).

19.12.2017

Wie viele Kirchenmusiker beschäftigt die Nordkirche? Derzeit sind in der Nordkirche etwa 310 hauptamtliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker mit einem Stellenumfang von 50 bis 100 Prozent tätig.

19.12.2017