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Kultur im Norden Viel mehr als Schimanski
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18:20 27.06.2016

Schmuddeliger Parka, einen Fluch auf den Lippen und ein Herz für Schwächere: Das war der rauflustige Ruhrpott-Kommissar Horst Schimanski – und diese Rolle war Götz George auf den muskulösen Leib geschrieben. Der Part machte ihn berühmt in den Achtzigern, so einen „Tatort“-Ermittler hatte es bis dahin nicht gegeben im sonst so konsenssüchtigen deutschen Fernsehen. Die „Bild“-Zeitung zählte damals mit gespielter Entrüstung mit, wie oft Schimanski bei seinen Ermittlungen „Scheiße“ rief. Er rief es ziemlich oft.

Das Publikum schlug sich schnell auf die Seite dieses Kommissars, der stets einen feinen Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit machte. Erst 2013 durfte Schimanski seinen Parka endgültig ausziehen – nach 48 Auftritten in 32 Jahren, ein paar davon auch auf der großen Kinoleinwand.

Aber George war viel mehr als Schimanski. Unabhängig von gerade gängigen Moden prägte er Kino und Fernsehen in Deutschland durch die Jahrzehnte – als Diva oder als Krawallmacher. Seine Rollen nahm er bitter ernst, ob er nun als Bankräuber im Thriller „Die Katze“ (1988), als Schickeria-Regisseur Uhu Zigeuner in Helmut Dietls Komödie „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“

(1997) oder als gealterter Massenmörder Josef Mengele (in „Nichts als die Wahrheit“, 1999) zu sehen war.

Dass George Schauspieler werden würde, war ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt und machte es ihm doch umso schwerer, sich freizuspielen: Sein Vater war der Großschauspieler Heinrich George, der sich in NS-Zeiten feiern ließ („Jud Süß“) und nach dem Krieg in sowjetischer Gefangenschaft im „Speziallager Sachsenhausen“ starb. Da war Götz, 1938 in Berlin geboren, gerade acht Jahre alt. Er wuchs bei seiner Schauspieler-Mutter Berta Drews auf und stand schon früh an ihrer Seite auf der Theaterbühne.

Dennoch brauchte Götz George lange, sehr lange sogar, um sich dem übermächtigen Schatten des Vaters entgegenzustellen. Schließlich übernahm er den Part des Vaters gleich mit in dem Dokudrama „George“, in dem es um die Verantwortung des Künstlers in der Diktatur ging. In dem ARD-Film wendet sich der Sohn George direkt an seinen Vater Heinrich: „Du hast mich halt immer überholt. Du warst halt immer besser, besessener.“ Das war 2013, George war 75 Jahre alt.

Schon als Teenager sammelte George erste Filmerfahrungen. Als 15-Jähriger hatte er eine kleine Rolle neben Romy Schneider in der Romanze „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“. Später, in den 1960er Jahren, ritt er an der Seite Winnetous in den Wilden Westen. Seine Stunts erledigte George am liebsten selbst. Körperliche Wucht und zarte Einfühlsamkeit: Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich die lange Karriere dieses Schauspielers.

Seine größte Rolle? Vielleicht die des hannoverschen Serienmörders Fritz Haarmann in „Der Totmacher“, die ihm den Darstellerpreis der Filmfestspiele in Venedig einbrachte. Dieses Kammerspiel-Duell zwischen Haarmann und seinem Gutachter in der Psychiatrie besteht beinahe nur aus Sätzen, Gesichtern in Großaufnahme, Blickwechseln. Und doch wird die physische Präsenz Georges in jeder Szene spürbar. Die Faszination des Bösen ist das Zentrum in Romuald Karmakars Film von 1995 und begleitete auch George in vielen Rollen.

Mehr und mehr hat sich George in den vergangenen Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er wollte nicht mehr Teil eines Betriebs sein, in dem seiner Ansicht nach künstlerische Inhalte immer weniger wertgeschätzt werden. Der Marketing- und Selbstvermarktungswahn war ihm zuwider. Er zog sich auf sein Anwesen auf Sardinien zurück. In dem Fernsehdrama „Böse Wetter“ – bereits abgedreht, aber noch nicht gesendet – ist er demnächst noch einmal als Harzer Bergbau-Baron zu sehen.

Dies ist dann die letzte Rolle des Schauspielers Götz George. Wie seine Agentin am späten Sonntagabend mitteilte, starb er bereits am 19. Juni nach kurzer Krankheit im Alter von 77 Jahren. „Götz George hat sich eine Verabschiedung im engsten Kreis gewünscht“, hieß es in der Mitteilung. Von weiteren Nachfragen solle abgesehen werden. Götz George war das Ergebnis seiner Arbeit schon immer wichtiger als die eigene Person.

Stefan Stosch

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