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Vier Freunde aus ’ner kleinen Stadt

Hamburg Vier Freunde aus ’ner kleinen Stadt

Die Band Silbermond lieferte in Hamburg mit Pop und Pathos eine energiereiche Show für 9000 Fans.

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Von 9000 Fans gefeiert: Stefanie Kloß mit Silbermond bei ihrem Auftritt in der Hamburger Barclaycard Arena.

Quelle: Jazzarchiv

Hamburg. Um ein Haar hätten sie sich getrennt. Der Erwartungsdruck, gesteht Sängerin Stefanie Kloß (31) im Interview, sei einfach zu groß gewesen, viele Dinge an der Oberfläche geblieben. Immerhin hat das Quartett aus Bautzen zwischen 2002 und 2015 rund fünf Millionen Tonträger unters Volk gebracht.

„Tatsächlich hat sich das Lied so in den Alltag integriert, dass du immer eine kleine Stimme auf der Schulter sitzen hast.“ „Sängerin Stefanie Kloß über den neuen Song „Leichtes Gepäck“ und den Alltag

Eine lange Auszeit, unzählige Gespräche und das zusammenschweißende Erlebnis, den aktuellen Longplayer „Leichtes Gepäck“ in den legendären Blackbird Studios in Nashville aufzunehmen, brachten dann wohl die Rettung für die Band Silbermond. In der Hamburger Barclaycard Arena konnten sich nun 9000 Fans ein Bild von der Frischzellenkur machen.

Lila Spots huschen durch den Saal, rote Lampen werden geheimnisvoll hinuntergelassen. Doch als der Opener „Die Mutigen" erklingt, befindet sich Stefanie Kloß plötzlich auf einer Bühne in der Hallenmitte. Fast unmerklich hat sich ein Laufsteg zwischen die Hauptbühne und die kleine Oase geschoben, auf der Silbermond fortan immer wieder zu der Menge auf Tuchfühlung gehen. Die Frontfrau bekommt das Lächeln kaum aus dem Gesicht, freut sich „wahnsinnig, dass alle so entspannt aussehen“ hier in Hamburg, wo sie am Nachmittag schon um die Alster gejoggt sei. Über „Leichtes Gepäck“ sagt sie: „Tatsächlich hat sich das Lied so in den Alltag integriert, dass du immer eine kleine Stimme auf der Schulter sitzen hast.“

„Langsam“, wie der nächste Songtitel suggeriert, geht es an diesem Abend selten zu. „Hier sind so unterschiedliche Menschen auf einem Haufen, aber ich glaube, dass wir vieles gemeinsam haben“, philosophiert die Sängerin, als sie „Das Leichteste von der Welt“ anmoderiert, einen Trennungssong, bei dem der robuste Part sich schmerzfrei dem nächsten Partner zuwendet, während das lyrische Ich „nicht schlafen kann, ohne was zu nehmen“. Obwohl seit sechs Jahren mit dem Bandgitarristen Thomas Stolle (32) liiert, ist Stefanie Kloß vom Pathos des Songs derart ergriffen, dass Tränen ihr Gesicht benetzen. Bei der Bombastballade „Symphonie“ wird die Stimmung ähnlich sentimental. Erfrischend unaufdringlich und weniger verkitscht klingt die aktuelle Single „B 96“ mit ihren melancholischen Kindheitserinnerungen.

Auf LED-Wänden werden wirre Graphiken und Einspielfilmchen eingeblendet, auf denen die Band Monty Pythons „Silly Walk“ imitiert. Leuchtquader senken sich über das Haupt von Drummer Andreas Nowak. Bei „Krieger des Lichts“ dreschen plötzlich barhäuptige Männer im Sumoringer-Look in den Gängen auf Bongotrommeln ein. Ähnlich euphorisch wird „Irgendwas bleibt“ gefeiert.

Ein syrisches Flüchtlingsmädchen habe sie gefragt, wie die Zeile „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit“ denn gemeint sein könne – ausgerechnet in Deutschland, wo es doch die größte Sicherheit überhaupt geben müsse, erzählt Kloß (und bleibt ihre Antwort schuldig). Bei der obligaten Abfrage, wer zum ersten Mal und wer wiederholt zu Gast auf einem Silbermond-Konzert sei, wird die Beinahe-Trennung von Silbermond in typischem Kloß-Duktus thematisiert. „Da sind vier Freunde aus ’ner kleinen Stadt in Sachsen, fast wie im Märchenbuch, hängen jeden Tag zusammen ab, und dann macht man sich irgendwann nicht mehr die Mühe, dabei ist das so kostbar!“

Nicht nur in der großen Politik, auch im Bandgefüge gelte schließlich: „Demokratie ist scheiß anstrengend!“ Die Fans lieben die Frontfrau für die zuweilen plattitüdenhaften Ansagen. Zum Dank dürfen ein paar Auserwählte für einen Song zu Kloß auf den Laufsteg. Die erste Strophe von „Das Beste“ überlässt die Sächsin mit dem pechschwarzen Haar ihren textsicheren Jüngern. Wieder fließen Tränen.

Schnell ein obligater Konfettiregen und das treibende „Zeit zu tanzen“, dann ist die 150 minütige Performance vorbei.

Alexander Bösch

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