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Villa von Thomas Mann vor dem Abriss?

Lübeck Villa von Thomas Mann vor dem Abriss?

Exil-Anwesen des Nobelpreisträgers in den USA soll verkauft werden – Forderung: Bund soll übernehmen.

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Fast 500 Quadratmeter: Im Februar 1942 hat Thomas Mann die Villa am San Remo Drive 1550 in Pacific Palisades bezogen. Er sollte sie bis 1952 bewohnen.

Quelle: Ullstein Bild

Lübeck. Lübeck. Ernst Bloch lebte im Exil von der Hand in den Mund, manchmal noch nicht mal das. Andere kamen auf der Flucht vor den Nazis besser zurecht. Stefan Zweig etwa. Oder Max Horkheimer, der Direktor des Instituts für Sozialforschung. Oder Thomas Mann. Er konnte sich in Los Angeles sogar ein Haus bauen, eine Villa im noblen Stadtteil Pacific Palisades. Jetzt steht das Anwesen am San Remo Drive 1550 zum Verkauf und erregt auch sonst Aufsehen.

LN-Bild

Exil-Anwesen des Nobelpreisträgers in den USA soll verkauft werden – Forderung: Bund soll übernehmen.

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Großer Sohn Lübecks

Thomas Mann wurde 1875 in Lübeck geboren und starb 1955 in der Schweiz, kurz nach einem letzten Besuch in seiner Vaterstadt. 1929 erhielt der Autor der „Buddenbrooks“ den Nobelpreis. Er liegt auf dem Friedhof in Kilchberg bei Zürich begraben.

15 Millionen Dollar soll es kosten, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“. Dafür gebe es 489 Quadratmeter Wohnfläche samt Vierfachgarage und großem Garten. In den Maklerunterlagen aber tauche der Name Thomas Mann nicht auf. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass ein Gebäude ohne Blick auf seine historische Bedeutung leichter abzureißen wäre. Zumal ein Haus aus dem Jahr 1941 in den USA als „uralt“

gelte und das eigentlich Interessante das Grundstück sei.

Die Mann-Villa abreißen? Die Mauern, in denen der „Doktor Faustus“ entstand, „Lotte in Weimar“ und der letzte Teil von „Joseph und seine Brüder“? Darf man das? Oder darf man das zulassen?

Thomas Mann jedenfalls hat an der Villa gehangen. An den ursprünglich 20 Zimmern, an dem Meerblick mit Palmen und Zitronenbäumen im Garten. Von Princeton an der Ostküste, wo er auch eine Gastprofessur hatte, war er mit seiner Frau Katia in den sonnigen Westen gezogen. Und da immer wieder eines der sechs Kinder den elterlichen Hafen anlief, weil es mit dem Geld, den Nerven oder beidem am Ende war, weil Enkel abgegeben wurden, Bruder Heinrich mit der ungeliebten Schwägerin zeitweise im Haus wohnte und man ohnehin gerne etwas gediegener lebte, musste das neue Heim eine angemessene Größe haben.

Und weil ihm niemand eines gebe, müsse er eben selbst eines bauen, klagte der Nobelpreisträger. Hermann Hesse habe von einem Mäzen ein schönes Haus im Tessin bekommen, er aber stehe ohne da. „Warum ist in diesem Lande nie eine Stadt, eine Universität auf den Gedanken gekommen, mir etwas Ähnliches anzutragen“, fragte er in einem Brief an Agnes Meyer mit einem Ton zwischen Anmaßung und Beleidigtsein. Und er leide zwar keine Not, müsse aber jeden Stuhl ansehen, „ob er auch nicht zu sehr ins Geld läuft“.

Agnes Meyer war nicht irgendwer. Sie war die Frau von Eugene Meyer, Besitzer der „Washington Post“ und Ex-US-Notenbankchef. Sie verfügte über Einfluss und vor allem über Geld. Das machte sie interessant für Thomas Mann und die Seinen. Sie half immer wieder aus, verschaffte Kontakte, Zuschüsse, Stipendien, sie setzte sich ein.

Die Bettelbriefe der „amazing family“ dagegen waren oft schlicht unverschämt. Zumal sie ihre Gönnerin eigentlich verachteten: „Die Frau dégoûtant, der Mann zuletzt unerzogen mürrisch“, notierte Thomas Mann nach einer Begegnung in sein Tagebuch. „Der Abschied so unerfreulich, wie er dem Verhältnis zukommt.“

Dennoch, auch beim neuen Haus boten die Meyers ihre Hilfe an. Bei dem Haus, in dem Thomas Mann im Februar 1942 ins Tagebuch schrieb: „Die erste Nacht im neuen Schlafzimmer unter der eigenen seidenen Decke recht gut verbracht.“ An das der Enkel Frido sich gern erinnert, der dort als Kind viel Zeit verbracht hat und dem noch eine Spieldose im Wohnzimmer im Gedächtnis blieb. Sie spielte „An der schönen blauen Donau“, wenn man den Deckel aufklappte. 1952 verließen die Manns die USA und kehrten zurück nach Europa, wo Thomas Mann drei Jahre später starb. Die Villa wechselte danach mehrfach den Besitzer. Zuletzt habe sie einem Anwalt gehört und sei für 15500 Dollar im Monat zu mieten gewesen, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Jetzt steht sie zum Verkauf – und möglicherweise vor dem Aus.

„Es wäre ein Jammer, wenn sie abgerissen werden würde“, sagt Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der Lübecker Museen und Präsident der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft. Bedeutsam sei das von dem Architekten Julius Ralph Davidson im gemäßigten Bauhausstil gehaltene Gebäude auf jeden Fall, nicht zuletzt architekturhistorisch. Thomas Mann habe sich von den deutschen Emigranten in den USA am stärksten auf den American Way of Life eingelassen und sei dort nicht nur als Autor, sondern auch als politische Figur in Erscheinung getreten. Allerdings gebe es mit der Villa Aurora von Lion Feuchtwanger fast in der Nachbarschaft schon ein sehr lebendiges Künstlerzentrum. Es sei daher fraglich, ob sich mit der Mann-Villa ein zweites Haus realisieren lasse.

Auch der Göttinger Germanist und Thomas-Mann-Experte Heinrich Detering unterstreicht die Bedeutung des Hauses. „Man sollte die Mann-Villa in Bundesbesitz bringen“, sagte er der „Rheinischen Post“.

Sie sei „so wichtig wie das Goethe-Haus in Frankfurt“ und müsse „als Gedenk- und Lernort der deutschen Kulturgeschichte erhalten werden und zugänglich bleiben.“

Das dürfte allerdings nicht so einfach sein. Mit der Feuchtwanger-Villa verfüge die Bundesrepublik in Los Angeles „bereits über eine kulturelle Begegnungsstätte, die ein repräsentatives und sehr erfolgreiches Residenzprogramm für Künstler anbietet“, heißt es auf LN-Anfrage aus der Bundesregierung. „Eine mögliche Übernahme der Thomas-Mann-Villa wird ergebnisoffen geprüft.“ Auf das dem Bund gehörende Stadtpalais, das laut „Süddeutscher Zeitung“ in New York seit geraumer Zeit leer steht und zugunsten der Mann-Villa verkauft werden könnte, geht die Bundesregierung nicht ein.

Peter Intelmann

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