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Virtuosen unter dem Kirchengewölbe

Lübeck Virtuosen unter dem Kirchengewölbe

Marien-Organist Johannes Unger präsentiert sein neues Ensemble: Die Blechbläser von „Marien Brass“ kommen von den NDR-Sinfonikern.

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„Blechbläser sind soziale Wesen“, sie suchen die Gemeinschaft: Organist Johannes Unger mit den Trompetern Jeroen Berwaerts und Constantin Ribbentrop an der Totentanzorgel in St. Marien.

Quelle: Lutz Roeßler

Lübeck. Von draußen dringt der Lärm des Lübecker Weihnachtsmarktes herein ins Gewölbe von St. Marien. Ein Dudelsack wird auf dem Kirchhof gequält, dazu eine Trommel. Keine angenehme Begleitmusik, wenn man auf ein Konzert in der Kirche wartet. Dann wird das elektrische Licht im Raum gedimmt, Kerzen verströmen an den Säulen einen schwachen Schein, doch oben an der Totentanzorgel erscheinen zwei blitzende Instrumente: Die Trompeter Jeroen Berwaerts und Constantin Ribbentrop intonieren, begleitet von Marien-Organist Johannes Unger, eine Sonate des Barockkomponisten Romanus Weichlein. Orgel, Piccolotrompeten, Kerzen — feierlicher geht es nicht. Der Dudelsack schweigt verschämt.

Zu hören ist an diesem Abend nicht nur ein glanzvolles Konzert mit Musik aus drei Epochen, sondern auch der Auftakt zu einer neuen Reihe von Bläserauftritten in Lübecks größter Kirche. Johannes Unger hat einige erstklassige Blechbläser um sich geschart, die meisten aus dem Fundus der Hamburger NDR-Sinfoniker. Constantin Ribbentrop ist der Brückenkopf dorthin, der Trompeter lebt in Lübeck, seine Frau ist Geigerin bei den heimischen Philharmonikern.

Der Belgier Jeroen Berwaerts ist ehemaliger Solo-Trompeter des bedeutendsten NDR-Klangkörpers, auch von seinen Engagements bei der Canadian Brass und der Stockholmer Chamber Brass hat er Abschied genommen, um sich einerseits auf seine Lehrtätigkeit an der Musikhochschule in Hannover zu konzentrieren und andererseits öfter als Solist aufzutreten. Und um bei der neu gegründeten „Marien Brass“

den einen oder anderen Ton mitzubestimmen.

Als weitere Musiker aus dem NDR-Kosmos stehen Ungers „Marien Brass“ der neue Solotrompeter Guillaume Couloumy, die Hornistin Amanda Kleinbart oder die Posaunisten Peter Dressel und Uwe Leonbacher zur Verfügung. Dazu mit Markus Hötzel ein Multitalent — er spielt Tuba und Pauken.

Berwaerts ist ein Star unter den europäischen Blechbläsern, warum stellt er sich in den Dienst der Abendmusiken in St. Marien? „Blechbläser sind soziale Menschen, sie suchen sich immer die Gemeinschaft, ein Ensemble, Marien Bass ist solch ein Gemeinschaftswerk“, sagt er lachend. Und Ribbentrop gesteht: „Man ist als Blechbläser im Orchester nur sehr einseitig belastet.“ Kammermusik sei für ihn eine Möglichkeit, sich weiter in Form zu halten, auch besser zu werden. „Das ist im Orchesterdienst sehr schwierig zu bewerkstelligen. Technisch stagniert man da.“

Beim Konzert am vergangenen Dienstagabend demonstrieren sie unangestrengte Virtuosität, besonders beim Doppelkonzert von Antonio Vivaldi — ein Bravourstück. Die Melodielinien der beiden verschmelzen nicht, der Ton des Belgiers ist schlank und geschmeidig, der des Lübeckers etwas roher und schmetternd. Selbst über eine donnernde Orgel setzen sie sich mühelos hinweg.

Kirchen sind zwar Geburtsorte unvergänglicher Musik — Dieterich Buxtehude begründete seine Abendmusiken in St. Marien als erste regelmäßige Kirchenmusikveranstaltungen außerhalb des Gottesdienstes in den 1670er Jahren, die Eintritt kosteten. Doch sie sind heute schwierige Konzertorte, weil gotische Kathedralen in den vergangenen Jahrhunderten stark umgebaut wurden. Ursprünglich waren zahlreiche Holzeinbauten vorhanden, Seitenemporen zum Beispiel, die die Akustik verbesserten.

Außerdem waren die Instrumente der Barockzeit „obertonreicher und viel leiser als heute“, sagt Organist Unger. „Es war nicht laut, aber prächtig.“ Berwaerts ergänzt: „Das Lebenstempo war langsamer und auch die Musik.“ Heute aber erwartet das Publikum Pracht und Lautstärke, rasante Virtuosität und klarer Klang im 40 Meter hohen Gewölbe des Mittelschiffes. Die Gründer der „Marien Brass“ hoffen, dies alles bei kommenden Konzerten einlösen zu können. An Silvester (19 Uhr) sind sie im Quintett zu hören mit Werken von Bach, Richard Strauss, Leonard Bernstein und Glenn Miller. Man sieht: Die Mitglieder wollen nicht nur die Alte Musik pflegen. Es wird schmissig.

DREI FRAGEN AN...
1 Wie kamen Sie dazu, das Ensemble Marien-Brass zu gründen? Hier im Kirchenraum von St. Marien habe ich zahlreiche Instrumente erleben können. Ich erfuhr, wie Streicher klingen, wie sich Gesang anhört. Wie die Orgeln tönen, wusste ich sowieso. Und dann gab es eine Hubertusmesse, bei der Jagdbläser auftraten. Da bemerkte ich, dass der Raum auf Blechblasinstrumente sehr warm reagiert. Überhaupt sind hohe Blechbläser in der schwierigen Akustik der Kirche immer sehr gut zu hören. Also reifte im Kontakt mit dem Trompeter Constantin Ribbentrop die Idee, ein Blechbläserensemble zu gründen.
2 Große Ensembles haben in St. Marien wie in vielen Kirchen das Problem, dass der Hall ein gehöriges Wörtchen mitspielt. Wie gehen Sie damit um? Man muss lernen, mit dem Raum zu arbeiten. Also Geschwindigkeit und auch Lautstärke richtig zu bemessen. Wenn man nach einer lauten Stelle abrupt leise weiterspielt, wirkt alles verschwommen. Man muss kleine Pausen einbauen.
3 Kann man die akustischen Verhältnisse ändern? Die Akustik ist eigentlich wunderbar. Doch wenn man hier zu laut spielt, erschlägt einen der Klang.

Michael Berger

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