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Vom Befehlsempfänger zum „Führer“

Lübeck Vom Befehlsempfänger zum „Führer“

Faktenreiches Standardwerk über einen Emporkömmling: „Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde“ des Historikers Thomas Weber.

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Seine erste „Ersatzfamilie“ – das deutsche Heer: Adolf Hitler (links) als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg (etwa 1914).

Lübeck. Am 9. November 1918, dem Beginn der deutschen Revolution, beschloss Adolf Hitler, Politiker zu werden. Behauptete er zumindest in seinem Buch „Mein Kampf“. Aber wie so vieles in „Mein Kampf“ ist auch diese Episode frei erfunden. Hitler wandte sich erst 1919 der Politik zu und wurde in jenem Jahr erst zum Nationalsozialisten. Einzelheiten seines kruden Weltbildes definierte er erst in der Festungshaft nach dem dilettantischen Putschversuch in München 1923. In seinem Buch über den späteren „Führer“ weist der Historiker Thomas Weber akribisch nach, wie sich Hitlers politische Ansichten entwickelten – eine lohnende Lektüre.

Thomas Weber hat bereits mit seinem Buch über Hitler im Ersten Weltkrieg für Furore gesorgt. Auch Hitlers spätere Behauptungen über seine Dienstzeit 1914 bis 1918 waren größtenteils frei erfunden und dienten nur der Selbststilisierung. Das neue Buch Webers schließt an die vorige Veröffentlichung an. Der Historiker zeigt den aus dem Lazarett Pasewalk zu seinem Regiment in München zurückgekehrten Hitler als Menschen ohne wirkliche politische Orientierung. Während des Krieges galt er bei seinen Vorgesetzten als zuverlässiger Befehlsempfänger, bei seinen Kameraden als schrulliger, völlig unpolitischer Einzelgänger.

In München tat Hitler alles dafür, in der Armee bleiben zu können. Sein Regiment war ihm zur „Ersatzfamilie“ geworden, wie Weber schreibt. Hitler ging sogar so weit, sich während der kurzlebigen sozialistischen Münchner Räterepublik zum Vertrauensmann seiner Kompanie wählen zu lassen. Damit stellte ausgerechnet er sich in den Dienst eines linken Regimes (was er später natürlich leugnete).

Als der rote Spuk durch rechte Freikorps blutig beseitigt worden war, gelang es Hitler, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und bei der Propagandaabteilung der Armee unterzukommen. Dort war es seine Aufgabe, Soldaten vor der Infizierung mit kommunistischem Gedankengut zu bewahren. Dabei war er, so Weber, nicht sonderlich erfolgreich, mehrmals wurde er von Kameraden verprügelt Aber dann hatte Adolf Hitler im Mai/Juni 1919 sein „Damaskus-Erlebnis“, wie Weber es nennt. Die Ratifizierung des Versailler Friedensvertrages durch das Weimarer Parlament erst machte ihm klar, dass der Krieg wirklich verloren war und dass Deutschland für diese Niederlage büßen musste. Wie viele andere Menschen wurde Hitler durch den Versailler Diktatfrieden radikalisiert. Seine nationalistische Einstellung verstärkte sich, seine antikapitalistische und antisemitische ebenso. Von Rassismus gegenüber etwa Slawen kann man in dieser Zeit noch nicht sprechen, meint Weber. Russland (ohne Bolschewisten) sei ein natürlicher Partner Deutschlands, sagte Hitler damals. Seine zweite „Ersatz-Familie“ fand Hitler dann in der kleinen Deutschen Arbeiter-Partei, die er schlicht kaperte und diktatorisch führte. Er machte aus der DAP die NSDAP, putschte 1923 gegen die Reichsregierung und landete als Hochverräter in der Festung Landsberg, wo er „Mein Kampf“ schrieb.

Ein herausragendes Buch ist Thomas Weber gelungen. Sehr gut lesbar, sehr gut erzählt und dennoch faktenreich. Man hätte sich nur einige Zeilen über die politischen Prägungen Hitlers vor dem Ersten Weltkrieg gewünscht. Aber vielleicht schreibt Weber auch darüber noch ein Buch.

„Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde – Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von ,Mein Kampf‘“ von Thomas Weber, Propyläen, 528 Seiten, 26 Euro

Jürgen Feldhoff

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