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Vom Familienbetrieb zur bösen Bank

Lübeck Vom Familienbetrieb zur bösen Bank

Am Theater Lübeck hat das Stück „Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie“ Premiere.

Lübeck. . Das US-amerikanische Bankhaus Lehman Brothers gilt seit dem 15. September 2008 als Inbegriff der globalen Finanzkrise. „Dieser Tag markierte das Ende der Wall Street, wie man sie über Jahrzehnte kannte“, schrieb der „Spiegel“. Die Pleite der Investitionsbank drohte an jenem Montag die gesamte Weltwirtschaft ins Chaos zu stürzen.

LN-Bild

Am Theater Lübeck hat das Stück „Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie“ Premiere.

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Ein dramatischer Moment. Und Drama ist nun einmal Sache des Theaters. Es dauerte allerdings noch sieben Jahre, bis der italienische Autor Stefano Massini sein Stück „Lehman Trilogy – I capitoli del crollo“ („Die Kapitel des Zusammenbruchs“) vorlegte. Nach der Uraufführung in Mailand eroberte es die Theater der Welt, morgen hat es in Lübeck Premiere unter dem Titel „Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie“.

Wobei die Sache mit der Dynastie nicht ganz korrekt ist: Zwar wurde das Unternehmen 1850 von den drei Brüdern Hayum, Mendel und Maier Lehmann gegründet, die aus einem Kaff in Franken in die USA emigriert waren. Doch mit der Pleite hatte der Clan, der sich später Lehman schrieb, nichts mehr zu tun. Nach einigen Eigentümerwechseln wurde Lehman Brothers selbst zur Heuschrecke und gab 22 Milliarden US-Dollar für einen Immobilien-Deal aus. 75 Milliarden sollen in der Folge von den Lehman-Investitionsbankern verbrannt worden sein.

Gesichtslose Manager ritten die Bank ins Verderben, vielleicht ist es deshalb nur logisch, wenn in der Inszenierung von Gernot Grünewald die Schauspieler hinter Marionetten zurücktreten. Grünewald sieht darin die „größtmögliche Distanzierung vor den realen Figuren“. Und er umgeht eine weitere Schwierigkeit, die ihm das Massini-Stück bereitet: „Es bietet keine ausgearbeiteten Charaktere an. Man hat bestenfalls Typen, vielleicht sogar nur Klischees. Ich habe beim Lesen keine Menschen gesehen.“ Präsent sei der Erzähler der Geschichte. Dieser wird in Grünewalds Version nun von sechs Schauspielern repräsentiert, die auch die Marionetten führen, mehr als 40 Stück in Barbiegröße.

Auf der Bühne ist eine ganze Welt zu sehen – die Puppen bevölkern Szenenbilder, die den Hintergrund bilden von der Gründung von Lehman Brothers in Montgomery, Alabama, bis in die Jetztzeit. Für das Publikum wird das Geschehen in den Boxen mittels Videotechnik auf Lebensgröße gebracht. „Die Kamera kommt sehr nahe an die Figuren heran, dadurch werden sie geradezu lebendig“, so Grünewald. Er verspricht: „Die Schauspieler nehmen die Zuschauer mit den Puppen quasi an der Hand und führen sie in die Geschichte hinein. Im besten Fall entwickelt sich dadurch ein Sog, der erlebbar macht, wie es in einem historischen Bogen vom Aufstieg des Unternehmens zur Milliardenpleite kommen konnte.“

Wie sich die Hybris entwickelt, das will der Regisseur zeigen. Als die Bank noch in der Hand der jüdischen Familie war, habe das kaufmännische Ethos sie geschützt nach dem „Buddenbrooks“-Motto:

„Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.“ Erst als dieses Ethos keinen Einfluss mehr auf die Geschäftstätigkeit hat, steuert Lehman Brothers in die Katastrophe.

Um den Stoff zu diesem Ende zu bringen, hängt Gernot Grünewald noch einen Epilog an, der Dick Fuld zugeschrieben wird, dem letzten Chef der Investmentbank. Die grenzenlose Gier, deren kleinste Geld-Einheit inzwischen die Milliarde geworden ist, sei nicht überwunden, sondern weiter der Antrieb der internationalen Finanzwirtschaft, meint Grünewald.

Der Regisseur versucht – eine Schwäche des Stücks – die Auswirkungen der Krise in der Gegenwart auszubügeln. Dennoch ist er von dieser Art des politischen Theaters überzeugt: „Für mich können die Klassiker nicht die Antwort auf die Fragen von heute geben“, sagt er. „Das Theater muss sich am Heute abarbeiten, Fakten aus dem Jetzt schöpfen, um als Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung relevant zu bleiben.“

Premiere: morgen, 20 Uhr, Kammerspiele des Theaters Lübeck.

Schauspieler und Regisseur

Gernot Grünewald, geboren 1978 in Hildesheim, führt zum vierten Mal Regie am Theater Lübeck. Zuletzt hatte er „Herz der Finsternis“ nach einer Erzählung von Joseph Conrad im Studio inszeniert.

Grünewald hat Schauspiel an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ studiert und war danach Schauspieler am Staatstheater Stuttgart und am Schauspielhaus in Hamburg. 2007 begann er ein Regiestudium an der Hamburger Theaterakademie.

Den Kurt-Hübner-Regiepreis bekam er im vergangenen März für seine Inszenierung „Ankommen – Unbegleitet in Hamburg“ mit acht Jugendlichen am Thalia-Theater.

Michael Berger

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