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Kultur im Norden Vom Segen des Größenwahns
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18:15 19.10.2013
Ein beispielhaftes Zeugnis der Verschwendung: Blick in das Langhaus des Münsters Unserer Lieben Frau der Benediktinerabtei Zwiefalten. Der Bau ersetzte eine romanische Basilika, die Abt Augustin Stegmüller abreißen ließ, um mehr Raum für die große Pilgerschar zu haben. Quelle: Imago
Lübeck

Große Aufregung: In der katholischen Kirche gibt es Verschwendung! Und diese hat sogar ein Gesicht und einen Namen. Das Gesicht ist jungenhaft und der Name lautet Franz-Peter Tebartz-van Elst. Auch das ungläubige Deutschland glaubt an die Prunksucht des Bischofs und regt sich auf — über einen aufwendigen Amtssitz in der hessischen Kleinstadt Limburg an der Lahn, dessen Neugestaltung mindestens 31 Millionen Euro gekostet hat, und über einen Würdenträger, der erster Klasse zu den Armen nach Indien flog und diesen Luxustrip auch noch leugnete..

Plötzlich steht eine Institution unter dem Generalverdacht der Prasserei, die sich doch eigentlich schon seit 313, dem Jahr, in dem sich der weströmische Kaiser Konstantin der Große taufen ließ und das Christentum zur Staatsreligion erklärte, durch Prunk und grandiose Bautätigkeit auszeichnete. Die Kirche hat mit ihren Imponier- und Einschüchterungsbauten — der gemeine Glaubensbruder sollte sich beim Gottesdienst klein und unscheinbar empfinden — auf diese Weise Kulturgüter von höchstem Rang geschaffen, die bis heute europäische Städte prägen und schmücken.

Gott allein zur Ehre?

Man kann den Petersdom im Vatikan als Zeuge aufrufen, den Kölner Dom oder die Sagrada Família in Barcelona — Triebfeder für die Errichtung der Papstbasilika, der gothischen und auch der neukatalanischen Kathedrale waren stets Geltungsbedürfnis und Größenwahn, verbrämt mit der Formel „Soli Deo Gloria“, Gott allein zur Ehre.

Die Ahnherren des Limburgers auf den Kardinals- und Bischofssitzen in Europa wären wohl schockiert, erführen sie von der Empörung, die sich unter dem Kirchenvolk von heute breit macht angesichts der doch eher nüchternen Aufrüstung der Bischofsresidenz samt Mariengarten, Kapelle und Atrium. Sicherlich ist seine freistehende Badewanne keine kulturell hochstehende Errungenschaft, aber: Geschmack hat der Mann.

Den hatte auch Johann Philipp Franz von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg von 1719 bis zu seinem Tod 1724. Er beauftragte den Bau der Würzburger Residenz durch den bedeutendsten Baumeister seiner Zeit, durch Balthasar Neumann. Der als Schloss im italienisch-französischen Stil ausgeführte Bischofssitz gilt heute als Hauptwerk des Barock und wird in eine Reihe mit dem Pariser Schloss Versailles gestellt.

Fürstbischof von Schönborn war zu seiner Zeit noch wesentlich unbeliebter als es heute Tebartz-van Elst zu sein scheint. Der Würzburger erhöhte seinen Untertanen drastisch die Steuern, um seinen Protzbau zu finanzieren. Und auch die opulent angelegte Familienruhestätte, die ebenfalls von Balthasar Neumann entworfene Schönbornkapelle am Würzburger Dom, ließ der Fürstbischof vom Kirchenvolk bezahlen. Als er starb, sollen die Gläubigen gejubelt haben. Heute bildet die Residenz einen der wenigen Gründe, Würzburg auf der europäischen Landkarte wahrzunehmen. Jährlich besuchen rund 350

000 Touristen den von der Unesco als Welterbe geadelten Bau samt Park.

Das Schwelgen im Luxus wurde in katholischen Klerikerkreisen immer kontrastiert von Männern, die Askese und Demut und predigten — wie jetzt der neue Papst Franziskus. Da war zuallererst der Mönchsorden der Benediktiner, der sich verpflichtete, nach den Grundsätzen seines Gründers, zu leben. „Ora et labora et lege“ (Bete und arbeite und lies) ist die wichtigste Benediktinerregel, und auch: „Nehmen wir uns deshalb vor jeder bösen Begierde in acht; denn der Tod steht an der Schwelle der Lust.“

Benediktiner-Traum in Gold

Wer schon einmal das (ehemalige) Benediktinerkloster Zwiefalten in Baden-Württemberg besucht hat, das im 11. und 12. Jahrhundert ein kulturelles und religiöses Zentrum der Region zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee war, verliert den Glauben an die Benediktiner-Bescheidenheit. Die heute etwa 2000 Einwohner zählende Gemeinde Zwiefalten hat dank des Klosters eine barocke Abteikirche, das Münster Unserer Lieben Frau, die einen der größten Kirchenräume Deutschlands darstellt.

Die Innenausstattung im Stile des Rokoko ist so opulent, dass Besuchern die Augen schmerzen. Mächtige Stuckmarmorsäulen mit goldenen Kapitellen gliedern das Kirchenschiff, auf den Decken erzählen in Gold gefasste Fresken das Leben der Gottesmutter. Die beiden Zwiebeltürme lassen an hohen Feiertagen ein elfstimmiges Geläut hören. Im bildarmen 18. Jahrhundert muss der Anblick dieses Baus die Menschen erschlagen haben. Nach der Säkularisation 1802 wurde das Kloster übrigens königliche Landesirrenanstalt, Psychiatrie ist es noch heute.

Die Äbte waren bis zur Auflösung des Klosters mächtige Figuren — politisch und wirtschaftlich. Der ausgestellte Reichtum sagt auch einiges über die Lebensbedingungen der Mönche aus, die sich nach der Benediktsregel eigentlich verpflichtet hatten: „Keiner habe etwas als Eigentum, überhaupt nichts, kein Buch, keine Schreibtafel, keinen Griffel — gar nichts.“

Um auf den Anlass unseres Exkurses zurückzukommen: Der Limburger Prunkbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst gebärdet sich als würdiger Nachfolger der Kirchenfürsten, die in vergangenen Jahrhunderten aus dem Vollen schöpfen konnten. Doch ist bei ihm nur der Name barock, ob dieser einmal mit bedeutenden Kulturschätzen in Verbindung gebracht werden wird, ist doch sehr zweifelhaft.

Er und sein Handeln sind Belege dafür, dass die Institution Kirche — zumindest die katholische — aus der Zeit gefallen ist. Sie hat zuletzt kaum noch herausragende Bauwerke hervorgebracht. Kein Schaden: Die Lizenz zur Förderung von Architektur und Kunst und ist in Bürgerhänden bestens aufgehoben.

Stimmen zu Bischof Tebartz-van Elst
„Diese kirchliche Autokratie gehört abgeschafft.“

Hermann Häring,

Theologie-Professor


„Diese ganze Affäre von Bischof Tebartz-van Elst muss man im Rahmen der Säuberungsaktionen von Papst Franziskus sehen.“

Vatikan-Journalist

Marco Politi


„Ich bin sicher, dass sich der Bischof gründlich und mit der notwendigen Selbstkritik mit dieser Entwicklung auseinandersetzt.“

Der Vorsitzende der

Deutschen

Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, über seinen Amtsbruder aus Limburg


„Immerhin hat er kein Kinderzimmer eingeplant.“

Kabarettist Dieter Nuhr über die Luxuswohnung des Limburger Bischofs

Michael Berger

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