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Vom Verschwinden und dem Versuch, die Zeit anzuhalten

Lübeck Vom Verschwinden und dem Versuch, die Zeit anzuhalten

Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm las in Lübeck aus seinem neuen Roman „Weit über das Land“.

Lübeck. Peter Stamm sorgt für volle Häuser. Am Montagabend stellte der Schriftsteller aus der Schweiz in Lübeck seinen neuen Roman „Weit über das Land“ vor. Gut ein Dutzend Menschen standen kurz vor Beginn der Lesung etwas verloren an der Kasse der Buchhandlung Hugendubel in der Königstraße. Für sie gab es keine Plätze mehr. Aber dann wurden doch noch zusätzliche Stühle hingestellt – und der Autor konnte mit seinem Vortrag beginnen.

Peter Stamm ist einer von mehreren Schriftstellern aus der Schweiz, die in diesen Wochen zu Gast in Schleswig-Holstein sind. Denn das Land ist Schwerpunkt des Literatursommers, den das Literaturhaus Schleswig-Holstein veranstaltet. Peter Stamm ist der wohl bekannteste und populärste. 1998 erschien „Agnes“, sein erster Roman, weitere folgten wie „Ungefähre Landschaft“ (2001). Sein neuer Roman „Weit über das Land“ steht nun auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Stamm, Jahrgang 1963, hat nach einer kaufmännischen Lehre einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie studiert. Das mag dazu beigetragen haben, dass seine Figuren und ihr Handeln bisweilen rätselhaft bleiben. Die Menschheitsgeschichte ist voller Versuche, die Welt und vor allem den Menschen, seine Beweggründe, sein Bestreben, verstehen zu wollen. Eine Anmaßung, die bei Stamm nicht zu entdecken ist.

In „Weit über das Land“ erzählt er eine verstörende Geschichte. Ein Durchschnittsmann namens Thomas, Mitte 40, gerade mit seiner Frau Astrid und den beiden Kindern aus einem Spanien-Urlaub nach Hause zurückgekehrt, steht einfach auf und geht. Er verlässt die Familie ohne ersichtlichen Grund.

Martina Dusollier, Moderatorin des Abends, stellt dem Schriftsteller eingangs die schier unumgängliche Frage nach dem Warum. Der Autor antwortet ausweichend. Man könne das Buch auf sehr verschiedene Arten lesen, sagt er. Man müsse es sogar. Und er fügt hinzu: „Ein bisschen habe ich es mir so vorgestellt, dass er geht, um die Zeit anzuhalten.“

Unzählige Male schon muss Peter Stamm aus diesem Buch gelesen haben. Ruhig und gelassen sitzt er da, den Roman in einer Hand und wie eins mit ihm. Im Gespräch mit der Moderatorin zeigt er Leidenschaft und Witz. Etwa wenn es darum geht, wie Thomas und Astrid sich kennengelernt haben – in einer Buchhandlung.

Vieles andere bleibt vage, unerklärt und rätselhaft. Wer diese Unsicherheit aushält, wird mit einer zwar fordernden, aber fesselnden und klug erzählten und zudem spannenden Geschichte belohnt. Der Autor erzählt sie abwechselnd aus der Sicht von Thomas und von Astrid. Thomas tut, was viele Schweizer tun, wenn sie dem Alltag entkommen wollen. Er geht in die Berge, um dort ein Leben ohne all die Dinge zu führen, nach denen Menschen gemeinhin streben: Familie, Freunde, Zugehörigkeit, ein sicheres Auskommen. Seine Ehefrau Astrid erfindet zunächst Ausreden, um sein Verschwinden der Firma und den Kindern zu erklären. Sie kennt ihn jedoch gut genug, um zu wissen: Er wird nicht wiederkommen. Die Sprache ist klar, unverschnörkelt und so detailreich, dass man den Weg, den Thomas geht, und das Leben, das Astrid ohne ihn führt, sehr genau mitverfolgen kann. Man erfährt, wie der Fußboden des Schwimmbads aussieht, das Astrid besucht, und erhält genaue Beschreibungen der Landschaften, durch die Thomas kommt. Was man nicht erfährt: was eigentlich schiefgelaufen ist, wovor Thomas geflüchtet ist und wonach er sucht.

An einer Stelle – es hat geschneit, Thomas befindet sich in einer hoch gelegenen Berghütte, weit entfernt von allem – heißt es: „Er hätte allen Grund gehabt, sich Sorgen zu machen, trotzdem war er glücklich.“

„Weit über das Land“ von Peter Stamm, S. Fischer, 223 Seiten, 19,99 Euro

Liliane Jolitz

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