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Vom Wert der Oberfläche und der Vergänglichkeit der Kunst

Lübeck Vom Wert der Oberfläche und der Vergänglichkeit der Kunst

Die in London lebende Künstlerin Melissa Gordon stellt in der Overbeck-Gesellschaft aus. In ihren Arbeiten geht es um große Themen: um die Vergänglichkeit von Kunst, um die Erschütterung des Glaubens an Einzigartigkeit und um die Bedeutung der Urheberschaft.

Melissa Gordon setzt sich mit Malern der Moderne (hinten) und ihren Farbpaletten (rechts) auseinander.

Quelle: Maxwitat

Lübeck. Bei Melissa Gordon dreht sich alles um die Oberfläche. Die Künstlerin, die 1981 in den Vereinigten Staaten geboren wurde und in London zu Hause ist, hat sich für ihre Ausstellung in der Lübecker Overbeck- Gesellschaft sogar an einer der nackten weißen Wände zu schaffen gemacht.

LN-Bild

Die in London lebende Künstlerin Melissa Gordon stellt in der Overbeck-Gesellschaft aus.

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In ihren Arbeiten geht es um große Themen: um die Vergänglichkeit von Kunst, um die Erschütterung des Glaubens an Einzigartigkeit und um die Bedeutung der Urheberschaft.

Im ersten Raum der Ausstellung wird der Vergänglichkeit anhand von Variationen über ein Gemälde von Piet Mondrian nachgespürt. Die Arbeiten von Melissa Gordon basieren auf Fotos. Im Falle der Mondrian-Bilder sind es Katalog- Abbildungen eines Gemäldes. Die Künstlerin hat verschiedene Ausschnitte sehr stark vergrößert und zu Siebdrucken in Schwarzweiß verwandelt.

„Mondrian hat chemische Farben verwendet, die viel weniger haltbar sind als Naturfarben“, sagt Oliver Zybok, künstlerischer Leiter des Kunstvereins Overbeck-Gesellschaft. In Gordons Bildern ist der Verfallsprozess, der schon fast 100 Jahre dauert, sichtbar. Eine Zunahme von Krakelee wird dokumentiert wie die Vermehrung von Falten in einem alternden Gesicht. Die schleichende Zerstörung aber wirkt nicht niederdrückend, sondern besitzt eine ganz eigene Ästhetik. Gordon schöpft aus vergänglicher Kunst etwas Neues. Der Titel der Ausstellung „Derivative Value“, übersetzt: „abgeleiteter Wert“, deutet es an.

Die Ästhetik entsteht bei Melissa Gordon ganz nebenbei. „Ich achte nicht darauf, ob etwas schön geworden ist“, sagt die Künstlerin — und verblüfft mit einer Ausstellung, die Gefallen findet.

Ihre Acrylbilder sind ein Spiel mit Farben in doppeltem Sinn. Zufällige Spuren von Farbe in ihrem Atelier an Wänden, Böden, Tischen und Paletten hat sie malerisch festgehalten. Sie zeigt die Farbtupfer aus verschiedenen Perspektiven. Wie bei einer Fotoserie, bei der die Fotografin ihren Standort beziehungsweise die Brennweite bei jedem Bild gewechselt hat. Auch der Hintergrund ist besonders. Wegen ihrer Leidenschaft für die Oberfläche hat Gordon Bahnen alter Leinentapete verwendet, um die Struktur der Wand sichtbar zu machen.

Ihre Arbeit habe auch etwas Detektivisches, sagt die Künstlerin. Der dritte und letzte Raum der Ausstellung allerdings fordert den Spürsinn der Besucher heraus. Hier hängen „aufgeblasene Modernisten“, für die Gemälde bekannter amerikanischer Künstler wie Jackson Pollock, Willem de Kooning, Mark Rothko und anderen die Basis bilden. Wieder hat Gordon mit stark vergrößerten Abbildungen aus Ausstellungskatalogen gearbeitet. Kunst unter dem Vergrößerungsglas: Gordons Siebdrucke offenbaren die Struktur der Leinwand ebenso wie wiederkehrende Formen.

Kunstgeschichtliche Kenntnisse sind hilfreich, will man die Bilder die den Arbeiten zu Grunde liegen, wiedererkennen. Ist dies dem promovierten Kunsthistoriker Oliver Zybok immer gelungen? Bei einigen wie Pollock auf Anhieb, bei anderen nicht, sagt er.

Sorgen, ob die Vorbildung ausreicht, muss sich niemand machen: Die Bilder wirken auch so.

Eröffnung am Sonntag

Melissa Gordon wurde 1981 in Boston (Massachusetts, USA) geboren. Seit 2003 lebt sie in Europa, zeitweise in Berlin, jetzt in London.

Die Ausstellung „Melissa Gordon — Derivative Value“ wird am Sonntag, 8. Mai, im Pavillon der Lübecker Overbeck-Gesellschaft eröffnet (Königstraße 11). Oliver Zybock führt ab 17 Uhr in das Werk Melissa Gordons ein.

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr; bis zum 26. Juni

Von Liliane Jolitz

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