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Vom grandiosen Untergang eines Stars

Lübeck Vom grandiosen Untergang eines Stars

Gitte Hænning und Rasmus Borkowski machen aus dem Musical „Sunset Boulevard“ ein bejubeltes Bühnenereignis.

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Viel los auf der Bühne, aber wir sind ja auch in einem Musical: Tanzszene aus „Sunset Boulevard“.

Lübeck. Lübeck. Zu Beginn liegt bereits eine Leiche auf der Bühne. Und damit sind zwei Dinge klar: Die Geschichte endet tragisch, und das Musical „Sunset Boulevard“ hält sich strikt an die Vorlage, den Film „Boulevard der Dämmerung“ von Billy Wilder aus dem Jahr 1950. Auch dieser beginnt mit einer Leiche, die des erfolglosen Drehbuchautors Joe Gillis. Dieser Mann, der seine Seele an eine ehemalige Filmdiva verkauft hatte, erzählt danach aus dem Jenseits, wie er zum Opfer eben jenes Stars werden konnte.

LN-Bild

Gitte Hænning und Rasmus Borkowski machen aus dem Musical „Sunset Boulevard“ ein bejubeltes Bühnenereignis.

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Besetzung von „Sunset Boulvard“

Musikalische Leitung ...........................................Ludwig Pflanz

I nszenierung .......................................................Michael Wallner

Bühnenbild ..................................................................Till Kuhnert

Kostüme ................................................................Aleksandra Kica

Choreographie ......................................................Lillian Stillwell

Chor ..................................................................Jan-Michael Krüger

Norma Desmond .................................................Gitte Hænning

Joe Gillis ...........................................................Rasmus Borkowski

Betty Schaefer ......Katrin Hauptmann / Anne-Catrin Märzke

Max von Mayerling .............................................Steffen Kubach

Cecil B. De Mille ................................................Michael Wallner

Sheldrake ..................................................................Rudolf Katzer

Artie Green ......................................................Grzegorz Sobczak

Billy Wilder (1906-2002) hatte nach einigen erfolgreichen Filmen Ende der 1940er Jahre vor, mit Hollywood und dem Star-System abzurechnen. Warum, ist nicht überliefert. Wilder war immerhin selbst ein Teil dieses Systems – und als Oscar-Preisträger nicht sein kleinster. Für das Drehbuch erhielt er dann einen weiteren Academy Award. Weil „Boulevard der Dämmerung“ ein riesiger Kassenerfolg war und so viele schöne Kino-Mythen verhandelt, musste der Stoff zum Musical werden. Mit Andrew Lloyd Webber nahm sich Mister Musical persönlich seiner an, seither ist kein Stadttheater davor sicher.

Die Lübecker Inszenierung von Michael Wallner, die jetzt im Großen Haus Premiere hatte, steigt mit großem Filmleute-Gewusel ein, zwischendrin eine Handvoll Tänzerinnen und Tänzer, die das Tempo und die Aufgeregtheit am Set noch vergrößern mit einer Mischung aus Street-Dance und aufreizender „West Side Story“-Ekstase. Die Musik klingt zunächst nicht nach Lloyd Webber, sondern nach Gershwin, Shimmy und Swing.

Rasant wird Joe Gillis von Produzent Cecil B. DeMille abserviert, rasant entwickelt sich in dessen Büro die – noch ausbaufähige – Beziehung zur Assistentin Betty Schaefer, die in dem jungen Mann Talent entdeckt haben will. Rasant ist Joe Gillis auf der Flucht vor seinen Gläubigern, die ihn auf ein verwunschenes Grundstück führt. Das Bühnenbild dreht sich und wird zur Showtreppe, und herab schreitet sie: der Stummfilmstar Norma Desmond mit Sonnenbrille und langem Kleid. Sie singt von vergangenen Zeiten, als „nur ein Blick“ genügte, um das Publikum zu Tränen zu rühren. Jetzt erkennt man Lloyd Webber wieder als Komponisten der Breitwand-Melodien und des satten Tremolos. Doch diejenige, die hier Norma Desmond spielt, macht daraus eine schlanke Arie ohne allzu viel Pathos: Gitte Hænning (70), Ex-Schlagersängerin, Jazz-Interpretin, Pop-Konvertitin und Schauspielerin. Sie verkörpert mit wenigen Gesten und intonationssicher die Tragik, aber auch die Würde dieser Frau, die immer noch meint, ein Millionenpublikum warte auf sie.

Den jungen Mann, den es nun an ihre Seite spült und den sie töten wird, stellt ein weiterer Gastsänger dar: Rasmus Borkowski, in Lübeck geboren und an der Münchener Theaterakademie ausgebildet. Er verfügt über eine blendende Musicalstimme, ist ein versierter Schauspieler, und er tanzt, als wäre er auch darin Experte. Der einzige Darsteller aus dem Lübecker Opernensemble ist in dieser Produktion Bariton Steffen Kubach, auch er eine glänzende Besetzung.

Gillis nistet sich bei Norma ein, und die Diva ist Beweisstück des zentralen Lehrsatzes des Stücks: „Jeder Mensch braucht Träume aus Licht.“ Ohne im Scheinwerferlicht zu stehen, kann sie nicht existieren. Doch ihr Traum von einem Comeback findet nur in ihrer Phantasie statt, sie stürzt ins Dunkel des Wahns. Nach den Schüssen auf ihren abtrünnigen Liebhaber sieht sie sich wieder am Set.

Doch die auf sie gerichteten Kameras sind nur die der Sensationsmedien.

In dieser Szene erweist sich Gitte Hænning ein weiteres Mal als feinsinnige Tragödin. Sie benötigt kein großes Geschrei und keine großen Gesten, um grandios unterzugehen. Nur eine sichere musikalische Begleitung. Die Lübecker Philharmoniker unter Ludwig Pflanz changieren routiniert von der Combo zur Bigband, vom Kammermusikensemble zum Filmorchester. Nur einmal lassen die Musiker im Graben bei der Premiere die Sänger auf der Bühne im Stich. Sie sind eben keine Jazz-Improvisateure. Doch das Orchester und auch der Chor erweisen sich als Musical-kompatibel.

Der Beifall des Premierenpublikums geriet an die Grenze zur Raserei, insbesondere Gitte Hænning wurde natürlich bejubelt, kaum weniger aber ihr jüngerer Kollege und Partner Rasmus Borkowski. Auch Regisseur Michael Wallner erntete lautstarke Zuneigung – immerhin ist auch er unter den Darstellern: Mit kühler Präzision spielt er den Produzenten DeMille, er hatte sogar ein paar Takte zu singen.

Auch diese Besetzung hat übrigens eine Parallele zu Wilders Film: Cecil B. DeMille spielt sich darin selbst.

Weitere Aufführung: Do., 27. Oktober, 19.30 Uhr, Großes Haus

Michael Berger

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