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Vom unheiligen Umgang mit Heiligen

Lübeck Vom unheiligen Umgang mit Heiligen

Die Jahrhundertschau „Lübeck 1500“ im Museumsquartier St. Annen wird beendet. Der Kurator zieht Bilanz.

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Was von der Ausstellung „Lübeck 1500“ bleibt: Kurator Jörg Rosenfeld vor Figuren des restaurierten Schreinreliefs der Gregoriusbrüderschaft. Schreinrelief und Gemälde sollen weiterhin im St.Annen-Museum gezeigt werden.

Quelle: Neelsen

Lübeck. Ein wenig erschöpft sei er schon, sagt Jörg Rosenfeld. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jan Richter ist der promovierte Kunsthistoriker für die Ausstellung „Lübeck 1500“

verantwortlich, etwa 100 Mal hat er selbst Gruppen seit dem 20. September durch die Jahrhundertschau geleitet. Am Sonntag wird es die letzte Kuratorenführung geben. Dann endet das Ausstellungsereignis. Etwa die Hälfte der rund 100 Exponate geht an die Leihgeber zurück. Was bleibt?

„Diese Ausstellung war kein flüchtiges Feuerwerk“, sagt Rosenfeld. Bis Weihnachten wurden 15000 Besucher gezählt. Zwar kein Rekordergebnis, aber eine stolze Zahl. Und am vergangenen Wochenende war der Zuspruch so stark, dass sich Besucherschlangen gebildet haben. Trotzdem: „Blockbusterergebnisse wie in Berlin kann Lübeck nicht leisten“, sagt Rosenfeld. Und schon gar nicht mit spätmittelalterlicher Kunst.

Für die Organisatoren zähle die Zustimmung zu der Ausstellung mindestens ebenso wie die Besucherstatistik. Bei den Führungen sei der Andrang groß gewesen, das Interesse der Besucher ebenfalls. „Wichtig ist die neu aufgeflammte Begeisterung für das St. Annen- Museum“, sagt der Kurator.

Mit über einer Million Euro Kosten ist „Lübeck 1500 — Kunstmetropole im Ostseeraum“ die bisher teuerste Ausstellung in Lübeck. Finanziert wurde sie fast ausschließlich mit Hilfe von Drittmitteln. „Wir fallen der öffentlichen Hand nicht zur Last“, versichert Rosenfeld. Der hohe Aufwand habe sich gelohnt. Das viele Geld sei nicht mit vollen Händen ausgegeben worden. Im Gegenteil.

So ein Projekt bringe Selbstausbeutung der beteiligten Mitarbeiter mit sich. Und alte Kunst zu präsentieren, sei nun einmal schon wegen der konservatorischen Maßnahmen mit großem Aufwand verbunden.

Infrastrukturmaßnahmen, die die Ausstellung notwendig machte, kommen dem ehemaligen Kloster auf Dauer zugute. Eine neue Haus- und Klimatechnik wurde installiert, eine neue Beleuchtung geschaffen. Zudem konnten Objekte der Sammlung aus dem Depot geholt und restauriert werden, die nun in die Dauerausstellung Einzug halten. Dazu gehört ein Schnitzrelief der Gregorsmesse, das derzeit im Remter zu sehen ist. Oder ein Epitaph, das Hermann Bonnus, Lübecks ersten Superintendenten, auf dem Sterbebett zeigt. Das Epitaph ist nach Einschätzung Rosenfelds ein herausragender Zugewinn. Denn es stehe für die Auswirkungen, die die Reformation auf die Bildkunst gehabt habe. Ein winzig kleines Bild befindet sich inmitten eines großes Textrahmens: „Das Bild tritt zeitweise gegenüber der Schrift in den Hintergrund.“

Warum hat es eine Ausstellung alter Kunst vergleichsweise schwer beim Publikum? „Wir leben in einer Bilderwelt“, sagt Rosenfeld, „und das war vor 500 Jahren nicht anders.“ Insbesondere in den Kirchen, Klöstern und Kapellen seien Bilder allgegenwärtig gewesen und auf Anhieb verstanden worden. Für heutige Menschen gelte das nicht mehr ohne weiteres. „Es gilt, Bezüge zur damaligen Lebenswelt herzustellen und Vergleiche mit unserer heutigen Bilderwelt anzustellen. Wenn man dies mit spannenden Geschichten verknüpft, kann man Begeisterung wecken.“

Die Künstler, deren Werke in „Lübeck 1500“ zu sehen sind, haben nach Einschätzung des Kurators übrigens nicht für die Ewigkeit gearbeitet und vermutlich nicht im Traum daran gedacht, dass sie Jahrhunderte später beachtet werden würden. „Die Künstler waren in erster Linie Handwerker, wenn auch Spezialhandwerker.“ Ein Selbstverständnis als Künstler-Genie, als herausragender Bildentwerfer habe es damals noch nicht gegeben. Das zeigt sich laut Rosenfeld auch im Umgang mit den Werken, allesamt Einzelanfertigung von Luxusartikeln. „Wenn Bilder oder Altaraufsätze nicht mehr gut aussahen, wenn sie aus der Mode geraten waren, weil sie einen alten künstlerischen Stil zeigten, dann hat man sie einfach abgeräumt“, sagt der Kunsthistoriker. „Der Umgang mit Heiligen war relativ unheilig.“

Die Ausstellung „Lübeck 1500“ geht am Sonntag mit einer Kuratorenführung (Beginn: 15 Uhr) mit Jan Richter und Jörg Rosenfeld und einem Konzert (siehe oben) zu Ende.

Liliane Jolitz

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