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Von Erbsen und Wurzeln

Lübeck Von Erbsen und Wurzeln

Mit der Ausstellung „aufgetischt“ feiert die Gedok, eine Vereinigung von Künstlerinnen, ihr 90-jähriges Bestehen. Heute wird die Schau im Hafenschuppen 6 in Lübeck eröffnet.

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Im Lichte des Projektors: Die Fotokünstlerin Birgit Bornemann mit einer Filmsequenz aus „Erbsen zählen“. Der Film läuft während der Ausstellung im Hafenschuppen.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Lübeck. Lübeck. 288 Erbsen. Exakt so viele hat Birgit Bornemann einzeln auf einen Teller gelegt, nach jeder Erbse ein Foto gemacht und einen Film geschnitten. Der läuft einmal vorwärts (Erbsen auf den Teller) und einmal rückwärts (Erbsen wieder runter). „Ein Sinnbild für Pedanterie“, erklärt die Fotokünstlerin aus Norderstedt. „Erbsen zählen“ wird an die Stirnwand des Schuppens projiziert, davor stehen drei weiß gedeckte Tafeln mit runden Scheiben und Zetteln mit Gedichten und anderen Texten. Es ist ein Geburtstags-Gedeck für die Gedok – die Künstlerinnenvereinigung wurde vor 90 Jahren gegründet. Zum Jubiläum haben 29 norddeutsche Bildende Künstlerinnen und sieben Literatinnen in einer jurierten Gruppenschau „aufgetischt“.

LN-Bild

Mit der Ausstellung „aufgetischt“ feiert die Gedok, eine Vereinigung von Künstlerinnen, ihr 90-jähriges Bestehen. Heute wird die Schau im Hafenschuppen 6 in Lübeck eröffnet.

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Mit der Ausstellung gehen die kreativen Frauen zurück zu den Wurzeln der Gedok, in die 1920er Jahre. 1926 hat die österreichische Lyrikerin und Frauenrechtlerin Ida Dehmel (1870-1942) die „Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen aller Kunstgattungen“ gegründet. Zum runden Jubiläum erhielt jede Künstlerin die Aufgabe, eine Scheibe von 40 Zentimetern Durchmesser zu gestalten. „Die Kunstwerke sollten eine Verbindung haben zur Gründungszeit und der Gründerin und gleichzeitig einen Bezug zur Gegenwart herstellen“, erklärt Birgit Bornemann, die das Konzept mit entwickelt hat.

Und da tischen die Künstlerinnen allerhand auf: Rufina Schröter etwa legte auf ihren Teller einen Kochpinsel – Holzlöffel und Pinsel an einem Stiel. Renate Basten hat ihre Scheiben mit hebräischen Zeichen gestaltet, den Worten Glaube, Liebe, Angst, Zukunft. Es ist eine Erinnerung an ihre jüdischen Großeltern mütterlicherseits. Auf einer zweiten Scheibe finden sich nur noch die Worte Angst und Zukunft.

Mehrere Künstlerinnen thematisieren die Sucht (ein Teller mit weißem Pulver und Spritze, einer mit aufgeklebter Arzneiflasche) – ein Problem, das auch heute von Relevanz ist. Barbara Engel hat abgelegte Kleidung gemalt, Christine Regensburger eine Collage aus farbigen Elementen zum Thema „Glanz/Dekadenz“. Und Gesche Stiebeling druckte in eine schwarze Bastschale die Worte BROTLOS. Ein Vorurteil? Realität, die brotlose Kunst? „Es gibt auf jeden Fall immer noch viele Vorurteile gegen Frauen, die malen, dichten oder sich auf andere Art künstlerisch ausdrücken“, sagt Annette von Gerlach-Zapf. Die Vorsitzende der Gedok Schleswig-Holstein bemüht dann auch das Schmähwort der „Gattinnenkunst“. Das Rollenverständnis der Frau unterliege immer noch einem Schubladendenken. Die Künstlerinnen bedienen sich in der aktuellen Ausstellung auch dieser Vorurteile und gehen spielerisch mit ihnen um (siehe Kochpinsel).

Netzwerk für Künstlerinnen immer noch zeitgemäß

Nicht nur aus diesem Grund sei ein Zusammenschluss der Künstlerinnen auch 90 Jahre nach Gründung durchaus noch zeitgemäß, ist Annette von Gerlach-Zapf überzeugt. „Ohne ein Netzwerk im Hintergrund ist es für Frauen sehr schwer, Zugang zum Kunstmarkt zu bekommen und wahrgenommen zu werden. Außerdem ist es für viele kompliziert, Familie und Kunst zu vereinbaren oder gar davon zu leben.“ Deshalb unterstützt die Gedok ihre Mitglieder dabei, ihre Arbeiten an die Öffentlichkeit zu bringen, hilft – auch finanziell – bei Veranstaltungen, setzt sich über ein Netzwerk zu Kultur, Politik und Medien für die Interessen der Künstlerinnen ein. Elf Ateliers stehen zu Selbstkosten offen, Künstlerinnen des In- und Auslandes können zeitlich befristet im Gastatelier wohnen und arbeiten. Kunstprojekte, Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Studienfahrten und die Publikation von Katalogen machen die 210 Mitglieder in Schleswig-Holstein bekannter. Ganz im Sinne der Gründerin Ida Dehmel, die 1933 schrieb: „Die Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen ist aus zwei gleich starken Quellen entstanden: der Liebe zur Kunst und der Verehrung des schöpferischen Menschen.“

Küchenlieder, Lesung, Performance

Eröffnung: Heute um 19.30 Uhr, Hafenschuppen 6, Eintritt frei. Terumi Oishibashi, Studentin der Musikhochschule Lübeck, spielt Schlagzeug.

Sonntag, 5. Juni : Matinee mit Texten von Ida Boy-Ed, gelesen von Heidi Züger und Liedern von Saskia Schmidt- Enders (Klavier und Gesang) ab 11 Uhr im Saal „La Rochelle“ im Europäischen Hansemuseum, Eintritt: 10 Euro

Donnerstag, 9. Juni: Lesung Therese Chromik zu Ida Dehmel, der Gründerin der Gedok, 16 Uhr im Hafenschuppen 6, Eintritt frei

Sonnabend, 11. Juni: Das Duo Zwei freilich singt „Küchenlieder und Gassenhauer – das Maul voll Lyrik“ mit Texten von HannaH Rau und Musik von Christine Lugmair (Psalterio, Akkordeon).

Beginn ist 19 Uhr, Eintritt: 10 Euro.

Mittwoch, 15. Juni: Finissage ab 18 Uhr mit einer Performance der Mini-Gedok-Gruppe Nord, der Eintritt ist frei.

Petra Haase

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