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Von Flügeln und Wurzeln

Lübeck Von Flügeln und Wurzeln

„Erstarrung“ heißt das säulenartige Objekt von Ulrike Traub: verkohlte Buchenrinde, dahinter ein blauer Kunststoffrücken. Das beigefügte Gedicht des Spaniers Juan Ramón Jiménez weist den Weg: Je verzweigter die Wurzeln, desto freier bewegen sich die Flügel.

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Kunst in Bewegung: Auf der Schaukel von Sabine Egelhaaf sitzen (v.l.) Annelies Hölscher, Rainer Wiedemann, Ulrike Traub, Stephan Schlippe und Karin Lammert. Im Vordergrund wogen sanft die „Golden Peanuts“, vergoldete Erdnüsse auf Eisenstäben, von Renate Schürmeyer.

Quelle: Foto: Lutz Roessler

Lübeck. Ulrike Traub, erste Vorsitzender der Gemeinschaft Lübecker Künstler, wünscht sich, dass sich jeder fragt: Wo stehe ich? Bin ich zu bodenständig, so dass ich der Fantasie und der Kunst keinen oder zu wenig Raum gebe? Umgekehrt seien Künstler oftmals zu sehr Flügelwesen, denen mehr Bodenhaftung gut tue.

Die diesjährige Präsentation der lokalen Kunstschaffenden der Gemeinschaft profitiert vom Ausstellungsort: Der alte Schuppen 6 am Lübecker Hafen reicht zwar an den Komfort der Lübecker Kunsthalle nicht heran. Diese ist nur jedes zweite Jahr Ort der Jahresschau. Aber die Höhe und Weite der 600 Quadratmeter großen historischen Halle machen den unebenen Boden, die schwierigen Lichtverhältnisse, die mangelnde Wärme wett: 81 Werke von 40 Kunstschaffenden – Bilder, Fotografien, Installationen, Objekte und Skulpturen – dürfen sich hier in ihrer Einzigartigkeit entfalten. Dieser unperfekte Ort lädt auch vorbeiflanierende Touristen ein und Menschen, die Kunstmuseen vor lauter Ehrfurcht links liegen lassen.

Karin Lammert vom Aufbau-Team freut sich, dass die Jury – drei Gemeinschaftsmitglieder sowie die externen Kunstexperten Björn Engholm und Nina Jakubczyk vom Kulturbüro der Hansestadt Lübeck – viele Installationen berücksichtigt hat. „Unterwegs“ heißt ihre eigene mobile Installation: 25 Paar weiß gestrichene Schuhe werden im Lauf der Schau aus dem Karton heraus durch den Hafenschuppen wandern – auf dem Boden, an einer Wand hoch oder vor einem Bild verharrend. Auch wenn die Jahresschau 2017 kein Motto hat – Bewegung, unterwegs sein, sich aus der Erstarrung lösen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung.

Sabine Egelhaafs zweieinhalb Meter langes weißes Schaukelbrett hängt aus fünf Metern Höhe herab. Mutige dürfen von links nach rechts und retour über elf Bauernregeln hinwegschweben, eine davon: „Ohne Blumen auf der Wiese geht’s den Bienen richtig miese.“

Zum Handeln oder zum spielerischen Experimentieren fordern auch der überdimensionale Hampelmann von Ida Möller auf („What would happen?“) oder die dreiteilige Installation von Maria Gust – „Echt Arbeit“. Sie regt zum Nachdenken an, denn die Demokratie scheint gefährdet. Ute Lübbe bleibt mit einer Mobile-artigen „Hommage an Jhf“ ihren Lieblingstieren, den Insekten, treu. Die Tierchen aus Papier und Draht von Ingrid Mohr bewegen sich im Kreis und heißen „Weg I“.

Bilder und Fotografien laden den Betrachter ein, sich neue Räume zu erschließen. Die Motive reizen durch ihre geheimnisvolle Unschärfe wie bei Stephan Schlippe oder Nicolas de Cuvry. Mit Mehrfach-Überblendungen schafft Christian Egelhaaf fantastische Orte. Heinke Both geht in die Tiefe – sie bemalt Glasplatten und legt sie übereinander. Ganz hinten, im Ausschnitt unter den zerbrechlichen Schichten, wird ein gemaltes Antlitz sichtbar – der Mensch.

Vernissage heute, von 19 Uhr an, Hafenschuppen 6, Lübeck

Wer wird Preisträger der Jahresschau 2017?

Das Geheimnis um den diesjährigen Preisträger der Jahresschau wird heute Abend gelüftet.

Die Ausstellung im Schuppen 6, Ecke Drehbrücke, An der Untertratrave, ist bis zum 15. 10. geöffnet – täglich von 11-18 Uhr, am letzten Tag von 11-16 Uhr (Eintritt frei). Mitglieder der Gemeinschaft sind als Ansprechpartner vor Ort.

Führungen finden sonntags ab 12 Uhr statt – am 1. Oktober mit Stephan Schlippe, am 15. Oktober mit Ulrike Lübbe; 5 Euro pro Person.

Parkmöglichkeiten sind durch Bauarbeiten eingeschränkt: Nutzen Sie den Parkplatz an der MuK oder Plätze vor den Media-Docks an der Willy-Brandt-Allee.

Dorothea Kurz-Kohnert

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