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Von Glück, Liebe und dem Sozialstaat

Lübeck Von Glück, Liebe und dem Sozialstaat

Die Redaktion der Lübecker Nachrichten empfiehlt: Sechs bemerkenswerte Filme aus dem Wettbewerbsprogramm der Filmtage.

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„Herzstein“: zu sehen morgen um 19.30 Uhr im Cinestar Kino 3, Fr, 10 Uhr im Cinestar Kino 5, Sa, 22 Uhr im Kolosseum, So, 16.30 Uhr im Cinestar Kino 3

Lübeck. Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki: Man muss ihn einfach mögen, den 25 Jahre alten Boxer Olli Mäki, der gar nicht wie ein Kämpfer wirkt. Sympathisch ist er, etwas schüchtern – und etwas zu schwer für die Fliegengewichtsklasse. Also muss Olli Mäki (Jarkko Lahti) abnehmen bis zum großen Weltmeisterschaftskampf in Helsinki, aus dem er als Champion hervorgehen will. Und noch eine weitere Herausforderung hat er zu bestehen: Er ist verliebt in Raija, mit der er lieber Fahrrad fährt, als sich auf den Wettbewerb vorzubereiten. Der Film dreht sich um die Frage, was im Leben zählt: Erfolg und Ruhm? Oder das private Glück? Zwar ist vorhersehbar, wie die Sache ausgeht. Aber der Weg dorthin ist mitreißend erzählt. In Schwarzweiß-Bildern erzählt Regisseur Juho Kuosmanen nebenbei auch noch, was Finnen am liebsten tun: in der Sauna sitzen, in einen See springen. Da möchte man am liebsten mit dabei sein.

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Die Redaktion der Lübecker Nachrichten empfiehlt: Sechs bemerkenswerte Filme aus dem Wettbewerbsprogramm der Filmtage.

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Eine schöne Bescherung: Es ist zu viel von allem, ein Overkill an Erwartungen, halbguten Vorsätzen und an Weihnachtsdekoration sowieso. Aber die beiden schwulen jungen Männer haben ihre Familien an Heiligabend eingeladen, es soll gemütlich werden. Spätestens da schwebt natürlich eine Drohung mit, eine böse Ahnung von den Dingen, die da kommen müssen. Und es ist nicht nur der Vater, der erst mal das Mauerwerk des Hauses und die rechtliche Lage inspiziert. Fast jeder balanciert mehr oder weniger stilsicher über die doppelten Böden, an die einen der Alltag gewöhnt. Hätte sich die Feiergesellschaft mit ihren Steinen im Glashaus versammelt, es läge hinterher wohl recht in Scherben. Die schwedische Schauspielerin und Regisseurin Helena Bergström hat ein aufgedrehtes Chaos angerichtet, auch wenn es sich nachher allzu süßlich fügt. Es ist eine Übung in Stolz und Vorurteil. Eine schöne Bescherung.

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Der Tag wird kommen: Erik und sein kleiner Bruder Elmer nehmen den Zuschauer mit in den Albtraum, den sie nach der Krebserkrankung ihrer Mutter in dem Kinderheim „Gudbjerg“

erleben. Innerhalb dieser Mauern gibt es nur eine grausame Welt aus Züchtigung und Demütigung. Das zutiefst Erschütternde ist, dass diese Ereignisse so ähnlich tatsächlich passiert sind. Der Film basiert auf den Erzählungen von ehemaligen Heimkindern in dem dänischen Kinderheim Godhavn in den 1960er Jahren. Das macht die Produktion bedeutend, denn sie zeigt die seelischen und körperlichen Qualen, welche nicht nur Heimkindern in Dänemark von ihren Erziehern angetan wurden. Die Szenen gehen auch durch die starken Schauspieler wie Lars Mikkelsen als der sadistische Direktor und die beiden jungen Hauptdarsteller unter die Haut. Dennoch bleiben dem Zuschauer allzu grausame Bilder erspart. Und das Ende gibt trotz allem Hoffnung auf Menschlichkeit.

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Herzstein : Thor und Kristján leben in einem kleinen Fischerort in Island, die Freunde vertreiben sich die freie Zeit mit allerhand Unsinn. Als Thor sich zum ersten Mal in ein Mädchen verliebt, bietet sich Kristján als Kuppler an, doch er entwickelt selbst Gefühle für seinen Kumpel. Sehr behutsam und ohne Peinlichkeit findet Guðmundur Arnar Guðmundsson Bilder für die Entdeckung der Sexualität, die Unsicherheit und Verletzlichkeit, aber auch für die Vertrautheit und letztendlich Stärke der Jugendlichen. Er bleibt sehr nah an den Protagonisten, die Erwachsenen spielen kaum eine Rolle – die haben ihre eigenen Probleme. Ein starker Film, eine isländisch-dänische Koproduktion, die mit zwei Stunden zwar etwas zu lang geraten ist, aber noch lange nachwirkt.

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Der fremde Himmel: Der schwedische Sozialstaat meint es gut und steht doch am Ende als moralischer Verlierer da: Im Mittelpunkt steht das Mädchen Ursula, Kind polnischer Eltern, die nach Schweden ausgewandert sind. Die Lehrerin scheint Auffälligkeiten an ihrer neuen Schülerin zu entdecken, schaltet das Jugendamt ein. Das junge Paar hat zwar Beziehungsschwierigkeiten, begreift sich jedoch als normale, glückliche Familie. „Ula“, so will das selbstbewusste Mädchen genannt werden, zeigt der Frau vom Amt Verletzungen und schweigt. Das Gezerre zwischen den Pflegeeltern und den leiblichen Eltern, die ihr Kind lieben, ist emotional sehr bewegend. Regisseur Dariusz Gajewski scheut nicht vor melodramatischen Anklängen zurück. Die schwedisch-polnische Koproduktion wirft berechtigte Fragen auf, denn nicht alles, was gut gemeint ist, ist gleichzeitig auch gut getan.

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Der Eid: Um Ihre Tochter aus der Drogenabhängigkeit und einer Liebesbeziehung zu einem offensichtlich kriminellen Typen zu holen – wie weit würden Sie als Vater gehen?

Mit seinem Film „Der Eid“ geht Baltasar Kormákur sehr weit und lotet sowohl als Regisseur als auch in der Titelrolle des angesehenen Herzchirurgen Finnur die gesamte Bandbreite zwischen moralisch legitimiertem und kriminellem Handeln aus. Zwischen diesen Polen entwickelt sich die Story dieses Rache-Thrillers, der seine Spannung und Faszination in erster Linie aus seinen überzeugenden Schauspielern schöpft: Zum einen ist das die großartige junge Hera Hilmarsdóttir als Anna, Finnurs Tochter, zum anderen Komákur (Finnur) selbst als überlegen intelligent und kaltblütig planender Vater und Chirurg, der nicht bereit ist, seine Tochter der Sucht und einem Drogendealer verfallen zu lassen. Baltasar Kormákur ist so etwas wie das Wunderkind des isländischen Kinos. Mit seinem Debütfilm „101 Reykjavík“ gewann er 2000 den Publikumspreis der Nordischen Filmtage; beim diesjährigen Festival wird auch seine international erfolgreiche Serie „Trapped“ präsentiert. Nachdem er zuletzt das Bergsteiger-Drama „Everest“ als Blockbuster ins Kino brachte, ist Komákur mit „Der Eid“ nun nach Island und als Schauspieler auf die Leinwand zurückgekehrt.

LN

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