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Kultur im Norden Von Hauke Haien lernen
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18:14 25.09.2017
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Lübeck

Wie sind Sie zum Schimmelreiter gekommen?

Kann nicht nur singen, sondern auch vorlesen: Stefan Gwildis geht mit dem „Schimmelreiter“ auf Tour. Quelle: Foto: Sandra Ludewig

Stefan Gwildis: Als Schüler, mit 16 oder 17, bin ich ihm erstmals begegnet. Die alte Sprache war mir ziemlich fremd. Aber den Charakter Hauke Haien, den fand ich cool.

Was hat Sie beeindruckt?

Dass er ein Mensch ist, der seinen Gedanken, seiner Intuition, seinen eigenen Ideen folgt. Hauke Haien ist ein Nonkonformist, der nicht das tut, was die Leute von ihm erwarten. Auch seine kritische Haltung gegenüber dem damaligen Aberglauben finde ich bemerkenswert.

Was sagt uns heute die Geschichte vom Schimmelreiter?

Geh deinen eigenen Weg! Hör, was in dir klingt, und was du empfindest. Auf seine Intuition zu hören, ist so wichtig, dass ich finde, dass man ein Schulfach daraus machen müsste. Ich habe vier Kinder und weiß ziemlich gut, wie hoch der Konformitätsdruck an Schulen ist, beispielsweise wenn es darum geht, immer das neueste Handy zu haben. Viele Erwachsene sind unglücklich, weil sie etwas machen, wozu sie eigentlich keinen Bock haben. Dabei kann man schnell herausfinden, was für einen gut ist und was nicht, wenn man in sich hineinhorcht.

Ist Hauke Haien ein Vorbild?

Ganz bestimmt!

Was macht ihn dazu?

Er hat seinen eigenen Kopf. Beispielsweise bekommt er mit seiner Frau Elke ein behindertes Kind, worüber die Frau sehr unglücklich ist. Auch deshalb, weil die Leute sagen, dass der Teufel seine Hand mit im Spiel habe. Aber der Deichgraf sagt: Es ist unser Kind. Und es ist ein Stück von uns. Es ist wunderbar, dass es da ist, und es erfreut mein Herz.

Heute werden kaum noch behinderte Kinder geboren, weil die Pränataldiagnostik so umfassend ist. Verstehen Sie Eltern, die sich gegen ein behindertes Kind entscheiden?

Ich kann eine solche Entscheidung nachvollziehen, etwa wenn ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt gekommen wäre. Mit meiner Frau habe ich häufiger mal über diese Problematik gesprochen. Das Ergebnis war: Auch ein behindertes Kind wäre unser Kind gewesen. Übrigens habe ich viel mit behinderten Kindern gearbeitet und oft deren Eltern kennengelernt. Bei denen hatte ich oft das Gefühl, dass sie eine Lektion im Leben gelernt haben. Die sind einen Schritt weiter, haben eine demütige Haltung. Hauke Haien steht für diese Haltung: Nichts muss makellos sein, um gut und wertvoll zu sein.

Sie haben für Hauke Haien einen Walzer geschrieben. Warum gerade einen Walzer?

Weil er wie alle Menschen an der Küste dem Element Wasser Land abtrotzen will und mit der Rhythmik des Wechsels von Ebbe und Flut lebt, diesem ewigen Kreislauf. Um diesen Kreislauf nachzuempfinden, musste es ein Rundtanz, ein Walzer sein.

Literatur gehörte bisher nicht unbedingt zu Ihren Schwerpunkten?

Ich lese nicht sehr viel, beschäftige mich aber schon mit Literatur. Schon zu meiner Schulzeit habe ich mir gern vorlesen lassen. In der Schule haben wir mal ein Theaterstück eingeübt, wo ich einen Blinden spielen sollte. Dafür habe ich Kontakt zu Blinden geknüpft und bin mit ihnen ein, zwei Tage durch Hamburg gegangen, mich mit verbundenen Augen durch die Welt tastend. So habe ich Kontakt bekommen mit der Hamburger Blindenbücherei. Da lag die Weltliteratur in Kassettenform vor – das war das Größte für mich. Irgendwo zu liegen und mir etwas vorlesen zu lassen, das finde ich großartig.

Dann machen Sie den Schimmelreiter für Leute wie Sie, die nicht gerne lesen, aber Literatur mögen?

Exakt. Es wäre schön, wenn es Appetit machen würde auf mehr – etwa von Theodor Storm.

Was bedeutet Ihnen die Nordsee?

Dort habe ich schon als Kind viel Zeit verbracht. Als ich klein war, sagte ein Arzt zu meiner Mutter: Die Kinder – mein Bruder und ich – hätten was mit den Bronchien. Wir müssten an die Nordsee.

Und so sind wir in den Ferien immer an die Nordsee gefahren, nach Amrum oder Föhr, Pellworm, auf die Hallig Langeneß. Wunderschöne Inseln. Auf Sylt sind wir irgendwie hängen geblieben – übrigens in der Theodor-Storm-Straße. Dort lebte ein Friese, der mit seiner Frau Friesisch sprach. Insofern ist mir auch die Sprache vertraut.

Friesisch ist eine eigene Sprache, die Unkundige nicht verstehen. Einige Charaktere lassen Sie aber mit deutlicher norddeutscher Sprachfärbung sprechen. Warum?

Das muss sein, um die Geschichte lebendig zu erzählen. Denn die Sprache ist ja nach wie vor ziemlich knorrig.

Eine letzte Frage zum Schimmelreiter. Welche Beziehung haben Sie eigentlich zu Pferden?

Meine Kindergärtnerin hat mir mal ein kleines Holzpferd geschenkt, das ich immer mit mir rumgeschleppt habe und das ich immer noch besitze. Geritten bin ich noch nie – aber dreimal von Pferden gebissen worden. Deshalb habe ich großen Respekt. Trotzdem finde ich, dass Pferde unheimlich schöne Tiere sind.

Interview: Liliane Jolitz

Weltliteratur

Zum 200. Geburtstag Theodor Storms hat der Hamburger Stefan Gwildis (58) ein Hörbuch aufgenommen. Eine Lesereise führt den Musiker und Entertainer auch nach Lübeck. Am Montag, 2. Oktober, präsentiert er gemeinsam mit seiner Band den „Schimmelreiter“ in der Kulturwerft Gollan, Einsiedelstraße. Beginn ist um 20 Uhr. Tickets für 35 Euro bei SH-Tickets, eventim.de und unter der Hotline T. 04827/999 666 66.

LN

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