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Kultur im Norden Von Menschen und Mutationen
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20:30 28.10.2013
Stephen King ist 66 Jahre alt. Er lebt im US-Bundesstaat Maine, in dem auch viele seiner Romane spielen. Quelle: Guip Studio
Lübeck

Man sollte meinen, dass ein Überlebender der furchtbaren Geschehnisse im Overlook-Hotel für alle Fährnisse des Lebens gewappnet ist. Das stimmt aber zumindest dann nicht, wenn dieser Überlebende der Fantasie von Stephen King entsprungen ist, der das Leben von Danny Torrance weitererzählt. Ein schwieriges Leben, katastrophal sogar zeitweise. Aber am Ende mit einer gewissen Hoffnung. „Doctor Sleep“ heißt das neue Buch des Thriller-Autors.

Aber greifen wir nicht vor. Stephen King hat mit „Shining“ die Romanvorlage für einen Film von Stanley Kubrick geschaffen, dessen Bilder zu den Ikonen des Kinos der 1970er Jahre zählen. Wer erinnert sich nicht mit Schaudern an Jack Nicholson, der in der Rolle des wahnsinnigen Schriftstellers Jack Torrance Jagd auf seine Familie macht? Eine atemberaubende Verfilmung — die Stephen King allerdings mit Inbrunst verachtet. Und wohl auch deshalb hat er eine Fortsetzung geschrieben, die in manchen Passagen schon wie ein Drehbuch anmutet und auf deren Verfilmung — die so sicher kommt wie das Amen in der Kirche — er mehr Einfluss nehmen wird als bei „Shining“.

1977 erschien „Shining“, seitdem hat Stephen King unglaubliche Fortschritte als Autor gemacht. Wer ihn heute einfach in die Horror-Schublade steckt und als Schriftsteller nicht ernst nimmt, macht einen riesengroßen Fehler. Denn Stephen King ist eine der wichtigen Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Er hat nicht umsonst 2003 den National Book Award erhalten — ein Aufschrei ging durch die Kritikergemeinde.

„Doctor Sleep“ ist ein sehr guter Roman, der natürlich auch mit glitschigen Verwesungsresten und furchtbarer Brutalität aufwartet. Aber diese klassischen Horror-Elemente sind nie zum Selbstzweck verfasst, sie gehören zu der erstaunlichen und erstaunlich menschlichen Geschichte von Danny Torrance, der auch als Erwachsener sein „Shining“, die Fähigkeit zur Telepathie, nicht verloren hat. Trotz Suff und Drogen, denn Danny Torrance hat diese Veranlagung von seinem Vater geerbt. Irgendwann landet er in einem Kaff in New Hampshire, dort schafft er mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker den Umschwung in seinem Leben. In seiner neuen Heimatstadt Frazier kommt dann ein Mädchen zur Welt, dessen Shining viel stärker ist als das von Danny Torrance. Sie treten in sprachlosen Kontakt, und das Leben könnte in wohlgeordneten Bahnen verlaufen. Danny Torrance arbeitet in einem Hospiz, wo er Moribunden durch seine Fähigkeiten das Sterben erleichtert, die kleine Abra wächst heran. Aber es gibt eine Bande von Bösewichtern, die unbedingt Abra entführen will.

Die Bösewichter sind Außenseiter, sie sind uralt und leben von der Essenz des Shining anderer Menschen, die sie „Steam“ (Dampf) nennen. Vor allem den Steam von Kindern begehren diese Mutanten, wenn sie die Kinder quälen, wird die Essenz noch wertvoller. Sie tarnen sich als Gruppe von Rentnern, die mit ihren Wohnmobilen kreuz und quer durch die USA reisen, sozusagen eine Art mobiles Vorstadt-Grauen. Sie sind hinter Abra her, weil sie das stärkste Shining hat, das ihnen je begegnet ist — Dan Torrance will das verhindern. Und so kommt es zum alles entscheidenden Kampf.

Aber es sind nicht einfach nur Gut und Böse, die hier aufeinander prallen. Stephen King billigt auch den Steam-Vampiren menschliche Gefühle zu, sie geben sich einen Abschiedskuss und versichern sich ihrer Liebe, bevor sie sterben. Das ist großartig beschrieben, das Finale dieses Romans ist schlicht atemberaubend. Und zutiefst menschlich: Große Literatur.

„Doctor Sleep“ von Stephen King, Heyne, 704 Seiten, 22,99 Euro.

Lieferant von Bestsellern
Stephen Edwin King wurde 1947 in Portland, im US-Bundesstaat Maine geboren. Nachdem sein Vater den damals zweijährigen Stephen King und seine Familie 1949 verlassen hatte, zog seine Mutter ihn und seinen Bruder alleine auf.

King arbeitete als Englischlehrer, bis er 1973 gleich mit seinem ersten Roman „Carrie“ einen Bestseller landete. Bis heute hat Stephen King über 400 Millionen Bücher verkauft. Im Laufe der Jahre geriet Stephen King in Abhängigkeit von Alkohol und Drogen, seit einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik 1987 hält er sich von Drogen fern und besucht regelmäßig Treffen der Anonymen Alkoholiker.

Jürgen Feldhoff

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