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Von der schwäbischen Pastorentochter zur Terroristin

Berlin Von der schwäbischen Pastorentochter zur Terroristin

Die Autorin Ingeborg Gleichauf spürt dem Leben der „RAF-Sprechmaschine“ Gudrun Ensslin nach.

Berlin. Sie galt als der strategische Kopf der Roten Armee Fraktion (RAF), als eiskalter Racheengel, dann wieder als sensible Intellektuelle. Zu Gudrun Ensslin (1940- 1977) gibt es viele Bilder, sie sind geprägt von Zeitungsartikeln und Literatur, mehr jedoch noch durch Filme wie zuletzt „Der Baader- Meinhof-Komplex“ von   Uli Edel mit Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin. Die Geschichte der schwäbischen Pastorentochter und Germanistikstudentin, die zur Terroristin mutierte, ist ein Faszinosum, das sich einfachen Erklärungen versagt.

 

LN-Bild

In ihrer Biografie „Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ versucht sich die Freiburger Autorin Ingeborg Gleichauf dem Phänomen Ensslin über die Sprache anzunähern. Wie war es möglich, dass aus der begabten Literaturstudentin mit einem „innigen Bezug zum Poetischen“ die „RAF-Sprechmaschine“ wurde, eine Frau, die Gewalt nicht nur in Kauf nahm, sondern rechtfertigte?

Gleichauf spürt den Jugendjahren Ensslins in der schwäbischen Provinz nach. Ihr Vater, der evangelische Pastor Helmut Ensslin, gehörte im NS-Reich der oppositionellen Bekennenden Kirche an. Das junge Mädchen wird als fröhlich, aufgeschlossen, wach und lebendig geschildert: „Einem solchen Mädchen müsste die Tür in eine wunderbare Zukunft weit offen stehen.“ Stattdessen wartete am Ende die Zelle von Stammheim auf sie.

Ensslin entdeckt die Prosa Hans Henny Jahnns und die Lyrik Else Lasker-Schülers, schreibt selbst Gedichte. Ensslins Begegnung mit Bernward Vesper, dem Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper, und der Wechsel vom beschaulichen Tübingen nach Berlin brachten erste Unruhe in ihr Leben.

Der eigentliche Bruch in Ensslins Leben war der Tod des Studenten Benno Ohnesorg 1967 in Berlin und vor allem die Begegnung mit Andreas Baader. Wie sehr die Liebe zu dem brutalen Tatmenschen Baader ihr Denken und Handeln bestimmte, schimmert aus diesen Zeilen aus dem Jahr 1968 durch: „So völlig ist alles versunken, was nicht Du bist / und sonst: ich selbst, aber nicht ohne Dich.“

Wahrscheinlich, so vermutet die Autorin, habe Gudrun Ensslin die „Mischung aus Entschlossenheit und Unversöhnlichkeit“ bei Baader fasziniert. Doch die Rolle, die er tatsächlich in ihrem Leben spielte, bleibt auch für sie „in Teilen rätselhaft“. Am Ende, so Gleichauf, habe Ensslin ihre Individualität verloren. Das Ich sei im Wir der Baader-Meinhof-Gruppe aufgegangen.

Auch sprachlich zeigt sich das in standardisierten Texten im RAF- Sprech, bei dem nicht mehr genau zu unterscheiden ist, ob nun Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof die Verfasserin war.

In der letzten Zeit in Stammheim verstummt Ensslin immer mehr. Die Terroristen, die die Häftlinge von Stammheim freipressen wollten, die zweite RAF-Generation, kannte sie selbst gar nicht mehr.

Sie hatte sich bereits aufgegeben.

Wirklich lösen kann Ingeborg Gleichauf das Rätsel Gudrun Ensslin nicht. Ihr gelingt allenfalls eine Annäherung. Die Begegnung mit Andreas Baader scheint zwar in jedem Fall der Schlüssel zu sein. Doch gerade hier fehlen Belege und Dokumente. Am Ende, so die Erkenntnis, sind es immer auch Zufälle, die ein Leben in eine ganz bestimmte Richtung führen. Eine innere Logik und Konsequenz, nach der jemand zum Terroristen wird, gibt es nicht Sibylle Peine

„Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ von Ingeborg Gleichauf. Klett-Cotta Verlag. 350 Seiten, 22 Euro.

LN

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