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Kultur im Norden Vorzeigekünstler oder doktrinärer Träumer?
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18:10 09.08.2018
Berlin

Wie viele Brecht-Biografien braucht das Land? Natürlich immer wieder neue, mit neuen Erkenntnissen für neue Generationen. Aber „über B.B. ist alles gesagt“, befand doch schon Hans

Magnus Enzensberger in seinem Buch über „99 Überlebenskünstler“. Das schreckte den englischen Germanisten und Brecht-Kenner Stephen Parker nicht ab, der laut Verlag die „endgültige Darstellung“ von Leben und Werk Brechts geschrieben hat, die jetzt in deutscher Sprache erschienen ist („Bertolt Brecht – Eine Biographie“, Suhrkamp Verlag).

Natürlich stützt sich auch Parker wieder auf bekannte Quellen, allerdings auch auf neuere Entdeckungen. Zu den bewährten und offenbar noch immer unerschöpflichen Quellen gehört selbstverständlich auch das Berliner Brecht-Archiv. Für dessen Leiter Erdmut Wizisla hat Parker jetzt die „genaueste“, auch „angelsächsisch solide“ Brecht-Biografie vorgelegt. Und sie ist bei all der Materialfülle gut lesbar.

Ein besonderes Augenmerk legt der Brite auch auf die gesundheitlichen Aspekte in Brechts Leben, seine Herzerkrankung und Neigung zu Nierenerkrankungen. Wizisla spricht von einer „ganzen Reihe neuer medizinischer Erkenntnisse“. Seine instabile Gesundheit erinnerte Brecht immer wieder daran, wie Parker schreibt, dass er nicht mit einem langen Leben rechnen konnte. Brecht starb am 14. August 1956 im Alter von 58 Jahren an einem Herzinfarkt, so die offizielle Todesursache. „Lasst mich in Ruhe!“, sollen seine letzten Worte gewesen sein.

Bemerkenswert ist bei dieser Biografie auch die „ausländische Sicht“ auf das Kapitel „Brecht und die DDR“, mit deren dogmatischer Kulturpolitik der Autor des „Galilei“ bei aller grundsätzlichen Sympathie für den „ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat“ bis zuletzt haderte. Er lag im Streit mit „bürokratischen SED-Funktionären“, die mit Brechts moderner Theaterästhetik und „Verfremdungseffekten“ nichts anfangen konnten und sogar von „volksfremder Dekadenz“ sprachen. Sie sahen in Brecht die Verkörperung aller Probleme, die die junge DDR mit der Kunst und den Künstlern hatte, wie es in dem Buch heißt. Andere wie der deutsche Kunstkritiker Armin Kesser, der Brecht noch aus früheren Berliner Tagen kannte, nannten Brecht einen „doktrinären Träumer“.

Die Frage, wer in künstlerischen Angelegenheiten das letzte Wort hat, blieb im Grunde bis zum Ende der DDR der kulturpolitische Knackpunkt für die SED, die ihren Führungsanspruch auch in der Kultur nicht aufgeben wollte. Er würde politisch selbst verantworten, was er schreibe, und nicht das SEDZentralkomitee, betonte Brecht. Gut gesagt, aber auch ein Brecht musste Kompromisse machen – wenn sie ihm nutzten oder die Funktionäre erst einmal „beruhigten“. Parker spricht von einer „unübersehbaren Tendenz des revolutionären Sozialismus“ (einen solchen kennt er offenbar), „die Künstler mit autoritären Mitteln zu gängeln“.

Unnachgiebig blieb Brecht bei seiner Forderung, ihm für sein mit Helene Weigel neu gegründetes Berliner Ensemble als Haus das Theater am Schiffbauerdamm zu überlassen (wo die „Dreigroschenoper“ am 31. August 1928 ihre triumphale Uraufführung erlebt hatte, und gleich gegenüber im Großen Schauspielhaus 1930 „Das weiße Rössl“ uraufgeführt wurde), was zunächst auf einigen Widerstand stieß. „Zum ersten Mal fühle ich den stinkenden Atem der Provinz hier“, notierte Brecht. „Der Herr Oberbürgermeister sagte mir weder Guten Tag noch Adieu, sprach mich nicht einmal an und äußerte nur einen skeptischen Satz über ungewisse Projekte, durch welche Vorhandenes zerstört würde.“

Die „stinkende“ ostdeutsche „Provinz“ verlieh ihrem „Vorzeigekünstler“ mit internationalem Renommee 1954 den „Stalin-Friedenspreis“ auch als Dank für seine Loyalität dem ostdeutschen Staat und ihrer Führung gegenüber.

„Bertolt Brecht – Eine Biographie“, Stephen Parker, Suhrkamp Berlin, 1030 Seiten,

58 Euro, ISBN 978-3-518-

42812-2

Zur Person

Bertolt Brecht wurde 1898 geboren, eigentlich als Eugen Berthold Friedrich Brecht. Er stammte aus bürgerlichen Verhältnissen; der Vater war vom kaufmännischen Angestellten zum Direktor einer Augsburger Papierfabrik aufgestiegen.

1918 schrieb er sein erstes Stück „Baal“, ein Jahr später folgte „Trommeln in der Nacht“, er erhielt dafür den Kleist-Preis. „Bertolt Brecht hat das dichterische Antlitz Deutschlands verändert“, schrieb ein begeisterter Kritiker. 1928 führte er seine „Dreigroschenoper“ auf, von 1933 bis 1938 folgten die Werke: „Das Leben des Galilei“, „Mutter Courage“ und „Der gute Mensch von Sezuan“.

Erfolg hatte er auch bei den Frauen: Mit 26 war er bereits Vater von drei Kindern – sie stammten von drei verschiedenen Müttern.

LN

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