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Kultur im Norden WDR versilbert seine Kunstsammlung
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19:12 27.04.2016

WDR-Intendant Tom Buhrow verkauft seine wertvollsten Kunstwerke, um das Haushaltsloch zu stopfen — und ein Aufschrei geht durchs Land. Aber ist die Sache wirklich so schlimm?

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Von Beckmann bis Kirchner: Intendant Buhrow lässt fast 50 Werke großer Meister bei Sotheby‘s versteigern.

Wo Max Beckmanns „Möwen im Sturm“ zuletzt hingen, weiß man im WDR nicht mehr zu sagen. Jetzt hängen sie jedenfalls bei Sotheby‘s. Zunächst in Köln, später in London, wo sie im Juni versteigert werden, zusammen mit 36 anderen Werken. Weitere folgen im Dezember in Paris. Auf diese Weise soll die hauseigene Kunst des größten ARD-Senders dazu beitragen, sein Haushaltsloch zu stopfen.

Es ist nicht der erste Zugriff auf die Kunst als stille Reserve: Seit die Spielbank Aachen zwei Warhols zu Geld gemacht hat, ist eine bundesweite Debatte über Kunstverkäufe zu Sanierungszwecken entbrannt. Kritiker wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprechen davon, dass Kunstwerke „wie Tafelsilber verscherbelt“ und „hemmungslos zu reinen Spekulationsobjekten degradiert“ würden.

Für WDR-Intendant Tom Buhrow ist die Sache klar: „Angesichts unserer schwierigen Haushaltslage wollen wir uns ganz auf unseren Kernauftrag konzentrieren: ein qualitativ hochwertiges Programm anzubieten.“ Man stelle sich doch mal vor, so heißt es im WDR, eine Sendung wird eingespart, und dann kommt der Redakteur bei einem Hierarchen ins Büro und sieht da das dicke Ölgemälde von Ernst Ludwig Kirchner überm Schreibtisch. Kommt gar nicht gut.

Grütters sieht das anders. Sie verweist auf den Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalt. Und „wenn schon Kunst nicht mehr als ein Kreativitätsfaktor im Sender geschätzt wird, sollte man die Kunstwerke wenigstens an Museen des Landes ausleihen“. Doch selbst die Museen sind nicht mehr unantastbar. Zuletzt empfahlen Wirtschaftsprüfer der verschuldeten Stadt Leverkusen, das renommierte Museum Morsbroich zu schließen. Heftige Proteste waren die Folge — sogar der stille Maler Gerhard Richter meldete sich verärgert zu Wort.

Heißt das, dass überhaupt nichts verkauft werden darf? Der Kunsthistoriker Walter Grasskamp beschreibt in seinem gerade erschienenen Buch „Das Kunstmuseum — eine erfolgreiche Fehlkonstruktion“ einen Teufelskreis: Im Laufe der Zeit häuft ein Museum durch Ankäufe und vor allem durch Schenkungen einen immer größeren Bestand an. Dadurch nehmen die Kosten für Lagerung, Präsentation und Restaurierung ständig zu — das kann nicht gutgehen.

Kunsthistoriker Christian Saehrendt („Ist das Kunst oder kann das weg?“) plädiert deshalb für eine tabulose Debatte über die Bestände: Was soll erhalten, was kann verkauft werden? „Die Museumslandschaft sollte sich ausdifferenzieren, statt überall das gleiche Programm zu bieten: ein bisschen abstrakte Kunst, ein bisschen klassische Moderne plus Pop Art, Baselitz, Richter etc. Wer will das noch sehen?“

Der WDR sollte sich nach Saehrendts Meinung in der Tat aufs Programmmachen beschränken. Wozu sicher nicht gehöre, eine Kunstsammlung aufzubauen. „Wenn also der Erlös der Auktion in die Qualitätssicherung der Programme fließt, ist das zu begrüßen.“

Sotheby‘s beziffert den Wert von allen 48 WDR-Bildern auf drei Millionen Euro. Das ist allerdings eine sehr konservative Schätzung. Der tatsächliche Erlös dürfte weit darüber liegen. Sehr viel Kirchner ist dabei, dazu Ernst Wilhelm Nay, Max Pechstein. Da hat einer beim WDR in den 1950er Jahren ein gutes Händchen gehabt.

Dabei ging es damals keineswegs um den Aufbau einer Kunstsammlung, die Bilder wurden wohl eher unter Bürobedarf abgebucht — als Dekoration.

Der WDR — mit Tom Buhrow auf striktem Sparkurs

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) mit Sitz in Köln entstand 1956 durch die Trennung des NWDR in NDR und WDR. Er ist die größte ARD-Sendeanstalt der ARD. Intendant des WDR ist seit 2013 der frühere „Tagesthemen“- Moderator Tom Buhrow (57). Er verordnete dem Sender einen strikten Sparkurs. Bis 2020 sollen insgesamt 500 Stellen wegfallen; das wäre jeder zehnte Arbeitsplatz. Ab 2016 gebe es in jedem Jahr eine Lücke von 100 Millionen Euro im Etat. Steigende Kosten könnten nicht durch den Rundfunkbeitrag aufgefangen werden.

Von Christoph Driessen

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