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Itzig Finkelstein, Friseur im Salon „Der Herr von Welt“ in Tel Aviv, geboren in der deutschen Kleinstadt Wieshalle, sieht aus wie die Karikatur des Juden im Antisemitismus-Zentralorgan ...

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Literatur-Außenseiter: Edgar Hilsenrath (91).

Quelle: Foto: Dittrich-Verlag

Lübeck. Itzig Finkelstein, Friseur im Salon „Der Herr von Welt“ in Tel Aviv, geboren in der deutschen Kleinstadt Wieshalle, sieht aus wie die Karikatur des Juden im Antisemitismus-Zentralorgan „Der Stürmer“: „Schwarze Haare, Froschaugen, eine Hakennase, wulstige Lippen und schlechte Zähne . . .“ Dazu ist er plattfüßig und immer hinter fülligen Weibern her. Doch dieser Mann ist ein reinrassiger Arier. Denn in Itzig Finkelstein versteckt sich der Massenmörder Max Schulz, einst ein eifernder SS-Oberscharführer. Jetzt – man schreibt das Jahr 1948 – hält er eifernd zionistische Reden und kämpft als Terrorist und später in der israelischen Armee für den zionistischen Staat.

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Itzig Finkelstein, Friseur im Salon „Der Herr von Welt“ in Tel Aviv, geboren in der deutschen Kleinstadt Wieshalle, sieht aus wie die Karikatur des Juden im Antisemitismus-Zentralorgan ...

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Wie es dazu kam, das erzählt Edgar Hilsenrath in seinem vor 40 Jahren in Deutschland erschienenen Roman „Der Nazi & der Friseur“. Darin berichtet der Ich-Erzähler Max Schulz als Itzig Finkelstein von obszönen Ungeheuerlichkeiten aus Krieg und Frieden. 10000 Juden hat er in Polen umgebracht, auch den wirklichen Itzig Finkelstein, seinen blonden, blauäugigen jüdischen Schulkameraden. In dessen Identität schlüpft Schulz nach 1945.

Der Jude Hilsenrath, geboren 1926 in Leipzig, 1938 mit Mutter und Bruder aus Deutschland geflohen, wurde mit diesem erschütternden Schelmenromen berühmt. Erschüttert von dem Stoff waren aber zunächst die deutschen Verlagsleute: Es dauerte Jahre, bis sich ein Kleinverlag fand, der ihn veröffentlichte. Die englische Übersetzung hatte bereits 1971 in den USA großen Erfolg gefeiert. Im „Spiegel“ gab Hilsenrath zu Protokoll, die verspätete Herausgabe 1977 habe wohl an der „Überempfindlichkeit“ der deutschen Verleger gegenüber jüdischen Themen gelegen.

Hilsenraths Schulz-Finkelstein ist in Israel wieder wer, ein Superjude: Präsident des Tierschutzvereins, Salon-Inhaber, Präsident einer Antiwiedergutmachungsliga, Erfinder des „Antiwiedergutmachungsherrenschnitts für Damen“. Der Autor dekliniert die Verwandlung des Nazis grotesk-komisch, literarisch virtuos durch.

Hilsenrath wurde später für seine Romane, vor allem für „Das Märchen vom letzten Gedanken“, mit zahlreiche Ehrungen bedacht. 1977 aber hatte er erfahren, dass er als Jude in Deutschland weiter gefährdet war: Bei Lesungen wurde er von Neonazis belästigt und beschimpft.

Hilsenrath lebt 91-jährig in Berlin, fast vergessen; ein Außenseiter war er im Literaturbetrieb schon immer. Doch die Lektüre seiner prallen Geschichten lohnt sich weiterhin.

„Der Nazi & der Friseur“ kann als Band 2 der Hilsenrath-Werkausgabe für 27,80 Euro bestellt werden bei

www.minervabookshop.com

Michael Berger

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