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Eines Tages, über den ich in der Gegenwartsform nicht schreiben kann, werden die Kirschbäume aufgeblüht gewesen sein.

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Christa Wolf war politisch umstritten, ihr Werk hat Bestand.

Quelle: Foto: Dpa

Lübeck. E ines Tages, über den ich in der Gegenwartsform nicht schreiben kann, werden die Kirschbäume aufgeblüht gewesen sein. Ich werde vermieden haben, zu denken: explodiert...“

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Eines Tages, über den ich in der Gegenwartsform nicht schreiben kann, werden die Kirschbäume aufgeblüht gewesen sein.

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So beginnt der Roman „Störfall“ von Christa Wolf. Im Frühling 1986, auf dem mecklenburgischen Land, sind die Blüten an den Kirschbäumen förmlich explodiert – aber dieses Wort kann die Autorin nicht mehr schreiben seit dem Super- Gau in Tschernobyl. Während die Erzählerin den Warnungen im Radio lauscht, muss sich ihr Bruder in Berlin einer riskanten Gehirnoperation unterziehen.

Die (fiktiven) tagebuchartigen Aufzeichnungen von Christa Wolf reflektieren die Erschütterung nach dem Reaktorunglück ein Jahr später. Es sind alltägliche Beobachtungen des Lebens in Mecklenburg, wo die Autorin ihre Sommer verbrachte. Zwei Störfälle, eine kollektive und eine individuelle Katastrophe, an einem Tag. Im Gedanken-Gespräch mit ihrem Bruder kommt sie zu grundsätzlichen Betrachtungen über die Struktur des Gehirns, Ursachen für Aggressivität und den Fluch wie Segen wissenschaftlichen und technischen Fortschritts überhaupt.

Christa Wolf (1929-2011) gehört zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit („Kindheitsmuster“, „Kassandra“), die auch international Ansehen genoss. 2010 erhielt sie in Lübeck den Thomas-Mann-Preis. Sie lebte in der DDR, war Sozialistin, eckte aber auch gerne an und galt als moralische Instanz. Nachdem 1993 bekanntgeworden war, dass Wolf Ende der 1950er-Jahre für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR gearbeitet hatte, wurde sie von Kritikern als „Staatsdichterin“ diffamiert.

Ihr Buch „Störfall“ ist 1987 im Ostberliner Aufbau-Verlag erschienen und wenig später im westdeutschen Luchterhand-Verlag. Dass er durch die DDR-Zensur ging, war bemerkenswert, wurde doch die Katastrophe von Tschernobyl offiziell verharmlost – Wolfs Roman war ein Störfall für den ostdeutschen Kernkraft- Optimismus. Ein Hauch von Gorbatschows Glasnost machte das Erscheinen möglich. Doch die Auflage war überschaubar und das Buch nur über gute Beziehungen zum Buchhändler zu bekommen. Liest man es heute, wird der Schock, den das Reaktorunglück über alle Grenzen hinweg ausgelöst hat, noch einmal sehr präsent. Und man wundert sich, dass ein weiteres Atomunglück 25 Jahre später nötig war, bis in Deutschland politische Konsequenzen gezogen wurden. Petra Haase

„Störfall“ , Suhrkamp Taschenbuch, 129 Seiten, 7 Euro

LN

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