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Dieses Buch war neben Günter Grass’ „Blechtrommel“ der größte literarische Skandal der 1950er Jahre: „Bonjour tristesse“ von Françoise Sagan. Die 18-jährige Literaturstudentin hatte den Roman in nur sieben Wochen geschrieben.

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Lübeck. Nicht, dass darin einer 17-Jährigen eine Stimme gegeben wurde, die ohne Scheu von erotischen Abenteuern und vom Luxus des Nichtstuns erzählt, erzürnte viele Leserinnen und Leser im Jahr 1954, als der schmale Band erschien. Vielmehr ereiferte sich ein Teil des Publikums darüber, dass dieses Buch von einer Autorin verfasst worden war, die nur wenig älter war als ihre Protagonistin Cécile. Einem erotisch aktiven Mann aus der Bohème hätte man die Geschichte dieser die Konventionen missachtenden jungen Französin eher verziehen. So aber ereiferte sich nicht nur „tout Paris“, nein, ganz Frankreich empörte sich über dieses charmante, freizügige Debüt der jungen Autorin. Ein Skandal – der den Roman zum Bestseller machte: In nur fünf Jahren wurden weltweit vier Millionen Exemplare in 22 Sprachen verkauft.

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Dieses Buch war neben Günter Grass’ „Blechtrommel“ der größte literarische Skandal der 1950er Jahre: „Bonjour tristesse“ von Françoise Sagan. Die 18-jährige Literaturstudentin hatte den Roman in nur sieben Wochen geschrieben.

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Sagan (1935-2004) hieß eigentlich Françoise Quoirez, sie stammte aus einer Industriellenfamilie; die Eltern setzten durch, dass sie ihren Erstling (und dann alle folgenden Romane und Theaterstücke) unter Pseudonym veröffentlichte. So wurde der Vater der Autorin davor geschützt, mit der Figur des Raymond gleichgesetzt zu werden, der seine Tochter Cécile abgöttisch liebt und ihr seine zahlreichen Affären anvertraut. Als Raymond eines Tages mit der Modedesignerin Anne auftritt und eine Heirat der beiden unausweichlich scheint, beginnt Cécile mit einer Intrige – sie will die selbstbewusste und intellektuelle Frau, die sich zwischen sie und ihren Vater stellt, loswerden. Eine Jüngere muss für einen Seitensprung Raymonds herhalten. Anne wird durch das Manöver in den Tod getrieben, doch Vater und Tochter können nach einer kurzen Leidenszeit ihr flatterhaftes Jetset-Leben wieder aufnehmen.

So oberflächlich, wie Cécile sich als Ich-Erzählerin darstellt, ist sie allerdings nicht. Ihre Wahrnehmungs- und Reflektionsfähigkeit machen die literarische Qualität des Buches aus. Die soeben erschienene Neuübersetzung von Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, wird von einem Nachwort der Autorin Sibylle Berg begleitet. Sie rühmt die „literarische Leichtigkeit“, mit der Sagan „das damals unfassbare Thema der weiblichen Selbstbestimmung“ behandelte. Berg wendet gegen das Buch aber ein, dass es heutigen emanzipatorischen Ansprüchen wohl kaum genügen könne. Denn alle Frauen in „Bonjour tristesse“ machen ihr Glück allein vom Leben an der Seite eines Mannes abhängig. Ein gewichtiger Einwand. Michael Berger

Bonjour tristesse von Françoise Sagan, Ullstein-Verlag, 169 Seiten, 18 Euro

LN

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