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18:47 14.06.2018
Traum-Anwesen in Kalifornien: Die Computergrafik zeigt das restaurierte Thomas-Mann-Haus in Los Angeles. Quelle: Fotos: Dpa
Los Angeles

Für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist die offizielle Einweihung des „Thomas Mann House“ am kommenden Montag ein wichtiger Stopp auf seiner mehrtägigen Kalifornien-Reise. Am Dienstag soll er bei der begleitenden Konferenz „The Struggle for Democracy“ die Eröffnungsrede halten. Auch Frido Mann, ein Enkel von Thomas Mann (1875-1955), wird zu den Feierlichkeiten erwartet.

Für Thomas Mann war es das Haus der „Seven Palms“: Im hügeligen Pacific Palisades in Los Angeles fand der Schriftsteller nach der Emigration aus Nazi-Deutschland für sich und seine Familie in den 1940er Jahren eine Exil-Heimat. Jetzt wird das zweistöckige weiße Haus im vornehmen „Riviera“-Viertel zum Domizil für deutsche Stipendiaten.

Das Residenzprogramm soll Intellektuellen und Vordenkern Gelegenheit zum Austausch untereinander und mit dem Gastland über die großen Fragen unserer Zeit bieten – so lautet die Zielsetzung der Einrichtung.

Am Kauf der historischen Villa durch die Bundesregierung war Steinmeier 2016 als Außenminister maßgeblich beteiligt. Für das „Weiße Haus des Exils“, wie er es damals nannte, zahlte Deutschland einem kalifornischen Luxusmakler rund 13 Millionen Dollar. „Das ist überhaupt nichts für diese Gegend“, sagte die Architekturhistorikerin Lilian Pfaff. Das Grundstück alleine sei schon so viel wert. Nach den Manns, die 1952 in die Schweiz zogen, lebten hier über 60 Jahre der kalifornische Anwalt Chet Lappen und seine Frau Jon. Das kulturelle Erbe ihrer Immobilie war ihnen bewusst, aber unter Denkmalschutz stand das Haus nicht. Sie bauten stellenweise an, auch ein Pool im Garten kam dazu.

2016 wurde das Haus von Immobilienmaklern als Millionenobjekt in einer „ultra-exklusiven“ Nachbarschaft angepriesen. Der künftige Besitzer könnte hier ein Traum-Anwesen errichten, sprich das alte Haus abreißen, so die Empfehlung. Autoren, Verleger und Künstler in Deutschland liefen Sturm. Per Online-Petition forderten sie die Bundesrepublik auf, das Haus zu erwerben und zu einem Erinnerungs- und Begegnungsort auszubauen. Der drohende Abriss wurde abgewendet.

Als erster Stipendiat zieht nun im Juni der Schauspieler Burghart Klaußner („Das weiße Band“) ein, gefolgt von der Berliner Soziologin Jutta Allmendinger, dem in Göttingen lehrenden Literaturwissenschaftler und Thomas-Mann-Forscher Heinrich Detering und dem Mikroelektroniker Yiannos Manoli. Auch die Journalistin Sylke Tempel war ursprünglich ausgewählt worden, doch im vorigen Oktober verunglückte die Politik-Expertin tödlich bei einem Sturm in Berlin.

Bei einer Besichtigung vor ein paar Wochen liefen die mit fünf Millionen Dollar bezifferten Renovierungsarbeiten noch auf Hochtouren. Man wollte „einen gesunden Kompromiss zwischen Respekt gegenüber der Originalsubstanz und den Anforderungen an ein modernes Kulturhaus“ finden, sagte Nikolai Blaumer. Der gebürtige Düsseldorfer ist der Programmdirektor des Thomas-Mann-Hauses.

Platz gibt es in der langgestreckten Villa genug. Schließlich lebten hier Thomas und Katia Mann mit ihren sechs Kindern. Vier Stipendiaten werden sich das Haupthaus teilen, der Fünfte kommt in einem neuen Gästehaus am Pool unter. Im Obergeschoss (etwa 200 Quadratmeter) gibt es mehrere kleine Räume, die als Schlafzimmer dienten. Im Erdgeschoss (etwa 300 Quadratmeter) ist unter anderem ein großes Wohnzimmer mit Glasfront zum Garten. Alles wurde von Grund auf saniert. Der Grundriss blieb erhalten, doch vom alten Innenausbau ist kaum etwas übrig. Bis auf das historische Herzstück im Parterre – Manns früheres Arbeitszimmer, in dem der Literaturnobelpreisträger Teile seiner Werke „Joseph, der Ernährer“ und „Der Erwählte“ sowie den Musikerroman „Doktor Faustus“ schrieb. In diesem Büro erarbeitete der Hitler-Gegner in den Kriegsjahren auch seine BBC-Radioansprachen „Deutsche Hörer!“.

Die Aussicht Richtung Pazifik ist im Laufe der Jahre zugewuchert, doch einen Meeresblick hat man von der wenig entfernten Villa Aurora. Seit 1995 ist die frühere Exilanten-Herberge des Schriftstellers Lion Feuchtwanger eine Künstler-Residenz und Ort für den deutsch- amerikanischen Kulturaustausch. Der deutsche Film feiert hier seine traditionelle Oscar-Party. Laute Empfänge und viele Gäste am San Remo Drive, das waren anfangs ihre Bedenken, erzählt Shirley, die neben dem Mann-Haus wohnt. Doch diese Sorge hätten die Betreiber ausgeräumt. Und alle seien jetzt sehr froh, dass das historische Haus erhalten bleibe. „Sonst hätte das ein Bauunternehmer kaufen können, alles abgerissen und drei monströse Villen hingestellt.“

Barbara Munker

Hintergrund

Die Mann-Villa gilt als „verstecktes Kleinod“. Nach den Manns, die 1952 in die Schweiz zogen, lebten hier über 60 Jahre der kalifornische Anwalt Chet Lappen und seine Frau Jon. Das kulturelle Erbe ihrer Immobilie war ihnen bewusst, aber unter Denkmalschutz stand das Haus nicht. Sie bauten stellenweise an, auch ein Pool im Garten kam dazu. 2016 wurde das Haus als Millionenobjekt angepriesen. Der künftige Besitzer, so hieß es, könnte hier ein Traum-Anwesen errichten, sprich das alte Haus abreißen. Autoren, Verleger und Künstler liefen Sturm. Der drohende Abriss wurde abgewendet.

LN

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