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Wacken - ein Gesamtkunstwerk

Reportage Wacken - ein Gesamtkunstwerk

Es ist ja ein Irrtum, dass es sich in Wacken um ein Heavy-Metal-Festival handelt. Es ist tatsächlich längst ein Gesamtkunstwerk geworden. Eine Mischung aus Volksfest, Jahrmarkt und Rock’n’Roll, aus Westkurve und Kindergeburtstag, nur friedlicher.

Auf den drei großen Bühnen spielen die Hauptacts. Insgesamt gibt es übers ganze Gelände acht Bühnen. Anfangs konnte man sich die Bands noch trockenen Fußes ansehen, spätestens ab Freitag stand man überall nur noch im Matsch.

Quelle: Olaf Malzahn

Wacken. Als Foreigner auf der großen Bühne gerade einen Popsong spielen, ist die Wackener Feuerwehrkapelle 300 Meter daneben auf der Straße nach Mendocino unterwegs. Von der Wackinger Stage hinten im Gelände bringen die Red Hot Chili Pipers ihren Dudelsack-Rock unter die Leute. Und wenn Hubertus Heil die schönsten Geschäftsordnungsanträge vom jüngsten SPD-Parteitag verläse, würde er sicher auch sein Publikum finden.

Es ist ja ein Irrtum, dass es sich in Wacken um ein Heavy-Metal-Festival handelt. Es ist tatsächlich längst ein Gesamtkunstwerk geworden. Eine Mischung aus Volksfest, Jahrmarkt und Rock’n’Roll, aus Westkurve und Kindergeburtstag, nur friedlicher. Im 27. Jahr seines Bestehens weiß man, was einen erwartet. Wer Wacken bestellt, bekommt Wacken geliefert. Und weil wieder gut 75 000 Menschen aus aller Welt angereist sind, macht man da offenbar nichts falsch.

Es gibt Pfahlsitzen in Wacken und Wrestling im Zelt, es gibt Indisch-Ayurvedische Spezialitäten, Chili con Hirsch und einen weltweiten Paketservice. Es gibt eine 30 Meter lange Schlange vor dem Wacken-Stand, wo man WackenT-Shirts kaufen kann, aber auch Wacken-Fliegenklatschen für vier Euro oder die Wacken-Badeente für einen Euro mehr. Es gibt Axtwerfen, Schwertkämpfe, Armbrustschießen und irgendwo sicher auch einen Stand für Druidenbedarf und Hexenzubehör. In der WastelandArea begegnet man Schrottkriegern und Altmetall-Amazonen, übrig geblieben aus einem alten Mad-Max-Film. Es ist wie eines dieser Heerlager von Friedrich II., als der Stauferkaiser die Reichstage zu einem Spektakel mit Reitern, Vögeln, Elefanten, Gauklern und Tänzerinnen machte.

Und es gibt natürlich Musik. Am Donnerstag, dem ersten richtigen Festivaltag, grüßt vor allem die Vergangenheit. Saxon sind da, fast vierzig Jahre dabei und längst gute Bekannte in Wacken. Die Juke-Box-Helden von Foreigner spielen sich durch ihr langes GreatestHits-Programm. Whitesnake stehen auf der Bühne, die Band des ehemaligen Deep-Purple-Sängers David Coverdale, die auch die Frisuren aus den Siebzigerjahren hinübergerettet hat und sogar Platz findet für ein Drum- und ein BassSolo. Am Ende spielt der Schlagzeuger mit den bloßen Händen, der Bassist im Übrigen auch, und die Leute sind zufrieden.

Im großen Zelt steht an drei Tagen Henry Rollins auf der Bühne. Er hat mal bei Black Flag gesungen und neu definiert, wie sich eine Stimme aus Zorn, Kraft und Besessenheit zusammensetzen kann. Heute ist er ganz alleine da, ein Mikrofon in der Hand, und erzählt eine Stunde lang ohne Unterlass. Es ist eine Predigt, eine Litanei, und es ist eine Übung in Zuversicht. Der Mann, auch körperlich ein Manifest, beschwört die heilenden Kräfte der Musik und macht vermutlich immer noch jeden Tag eine Sache, vor der er Angst hat.

Später startet in dem gleichen Zelt ein Düsenjäger, jedenfalls hört es sich so an. Es sind aber nur Tsjuder, drei zornige Herren aus Norwegen, die einander die Dämonen austreiben. Es vibriert bis in die Zähne, man versteht kein Wort, aber jedes Wort klingt wie ein Befehl. Es ist nicht zu fassen. Und zarte Metal-Elfen in schwarzer Spitze nicken dazu leise lächelnd mit dem Kopf.

Aber Wacken ist natürlich auch Schlamm. Ist Regen, der aus Wolken fällt und das Gelände in etwas verwandelt, das man nicht betreten möchte. Am Mittwoch schon hat er alles aufgeweicht, aber das gehört längst zur Wacken-Folklore. Spätestens am Freitag ist alles eine große Schlammwüste, über die ein süßlich-verwegener Geruch weht. Man will gar nicht genau wissen, was das ist. Und man denkt, das kriegen sie nie wieder hin. Der Boden ist hinüber, diesmal endgültig. Aber dann wächst Gras über die Sache, und im nächsten Jahr ist alles grün, jedenfalls bis die Horden wieder kommen.

Metal-Fans sind ja genügsam. Sie nehmen das Wetter hin, was sollen sie auch machen. Es gehört dazu, wie überhaupt in Wacken längst alles in gewohnten Bahnen verläuft. Das ist eine staunenswerte organisatorische Leistung bei einer komplexen Veranstaltung wie dieser. Das Festival ist eine über die Jahre ständig optimierte Maschine, die ohne große Störungen funktioniert. Es ist das verlässlich abgespulte Programm eines mittelständischen Unternehmens. Das beruhigt, was die Abläufe angeht. Aber es ist natürlich auch ein bisschen langweilig, wenn man genau weiß, was einen erwartet. Jedes Jahr Bierfrühstück in den Wackener Vorgärten, jedes Jahr Heimsuchung des örtlichen Schwimmbads und des Supermarkts, jedes Jahr Zehntausende in schwarzen Sachen und tätowiert wie Bundesligaspieler, die sich mit „Wacköööön!“ begrüßen. Andererseits, in Bayreuth gibt es ja auch jedes Jahr Richard Wagner.

Death Metal aus Botswana

Irgendwo ist auf einer der acht Bühnen immer Betrieb. Im Zelt legen die Krupps mit ihren IndustrialKernbohrungen die Nerven bloß, und der junge Gitarrist verzieht in all dem Rasen und Tosen kaum eine Miene. Auf der großen Bühne spielen Bullet For My Valentine, und der Schlagzeuger scheint die ganze Zeit zu lächeln. Entombed A.D. lassen alle Teufel los und die Wärter gleich mit. Eluveitie aus der Schweiz mischen Geige und Drehleier in ihr Hämmern, und Overthrust liefern Death Metal aus Botswana. Nebenan will derweil Torfrock Schleswig-Holstein unterkellern, und die Leute von Knasterbart – „Ich sag Knaster, ihr sagt Bart“ – haben auch schöne Hüte auf.

Die größte Attraktion für die meisten ist Iron Maiden. Sie stehen spät am Donnerstag auf der Bühne, als nach ein paar Songs wieder der Regen einsetzt. Aber es ist egal. Die britische Band hat gerade eine Welttournee hinter sich, mehr als siebzig Konzerte von Mexiko bis Litauen, und das letzte spielen sie nun in Wacken. Blind Guardian und Testament zählen auch zu den großen Namen, ebenso Twisted Sister und Arch Enemy am späten Sonnabend. In der Nacht zu Sonntag ist Schluss. Dann packen sie zusammen in Wacken, räumen auf und werden, wenn die Tickets für 2017 im Handel sind, nach ein paar Stunden wohl wieder „Ausverkauft!“ vermelden. Wie jedes Jahr.

Wieder eine friedliche Veranstaltung

Die Polizei zog gestern Mittag eine positive Zwischenbilanz. Trotz einiger Schlägereien, viel Alkohol und einigem Marihuana-Gebrauch könne man „wieder von einem friedlichen Festival sprechen“, hieß es. Es seien weniger Diebstähle als im Vorjahr gemeldet worden. Ein 53-Jähriger und sein Sohn (25) erwartet eine Anzeige wegen des Verkaufs von Haschkeksen. Brand- und Schnittverletzungen sowie ein fehlendes halbes Ohr waren das Ergebnis, als zwei Männer um die 50 mit einem „Polenböller“ hantierten.

 Peter Intelmann

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