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Wacken hebt ab

Wacken Wacken hebt ab

Um das weltgrößte Metal-Festival entsteht laufend Neues — Jetzt soll es mit einer Boeing in die Luft gehen.

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Geplant: Im nächsten Jahr sollen Bands und Fans mit einem großen Jet eine Woche durch Südamerika fliegen.

Von Peter Intelmann

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Wacken. Die „Wacken Winter Night“ findet im nächsten Februar statt. Ein Wintermärchen der eigenen Art mit Heavy Metal, Mittelaltermarkt, Buden, Feuer und allerlei anderem Zauber. Und zwar nicht auf dem Festivalgelände, sondern etwas abseits am Reselithweg, wo große Hallen stehen und überhaupt viel Platz ist. Das wäre dann die neueste Attraktion im Wacken-Kosmos. Und wie es aussieht, wird es dabei nicht bleiben.

1990 hat das erste Open Air stattgefunden. Jetzt geht es ins 26. Jahr und ist längst zum größten Metal-Festival der Welt geworden. Wacken ist eine Marke, ein Fels in der internationalen Rock‘n‘Roll-Brandung. Um das Festival ist ein mittelständisches Unternehmen gewachsen, es gibt Ableger, und auf so etwas wie Stillstand, sagt Holger Hübner, wird man sich nicht einrichten können.

Hübner ist einer der Gründer des Festivals und heute neben Thomas Jensen einer der beiden Wacken-Chefs. Er sitzt im Hamburger Büro, ein Mann von 49 Jahren, Vater einer Tochter, gelernter Industriekaufmann aus Besdorf im Kreis Steinburg. Und er erzählt, was aus den Anfängen geworden ist und was daraus noch werden könnte.

Hübner und Jensen haben ICS Network 1999 gegründet. Da hatte sich aus zwei Metal-Tagen mit Freunden in der Wackener Kiesgrube längst ein ernsthaftes Projekt entwickelt, das heute jährlich mehr als 15 Millionen Euro umsetzt. Das Kürzel steht für International Concert Service und ist auch so gemeint. Inzwischen zählt ICS etwa 50 Festangestellte, hinzu kommen diverse freie Mitarbeiter, zur Festivalzeit sind sie mit mehr 3500 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber Schleswig-Holsteins.

Zwei Drittel der Angestellten sitzen in Wacken, die übrigen in einem Bürokomplex im Hamburger Karolinenviertel, einen Steinwurf vom St.-Pauli-Stadion entfernt. In diesen Zentren laufen die Fäden zusammen. Und das sind mittlerweile eine ganze Menge.

2013 gab es die erste „Full Metal Cruise“, eine Reise auf einem Kreuzfahrtschiff mit Bands, Konzerten und Rundum-Service an Bord. Im September startet in Kooperation mit Tui die vierte Auflage, eine Woche durch Nord- und Ostsee, und sie ist zum dritte Mal in Folge für 1199 bis 2749 Euro pro Person binnen kurzer Zeit ausverkauft.

Vorher findet zu Ostern „Full Metal Mountain“ statt, Heavy Metal im Schnee und in den Bergen, eine Premiere. Sie haben dafür im größten Skigebiet Kärntens rund 3500 Betten in Häusern und Hotels gebucht und lassen eine Woche lang auf mehreren Bühnen Bands wie Accept, Sabaton und Gloryhammer spielen, Shuttle-Bus und Halbpension für 599 bis 1260 Euro pro Person inklusive. „Metal statt DJ Ötzi zum Après-Ski, das passt denn auch“, sagt Hübner.

Wenn alles klappt, könnte im nächsten Jahr eine Boeing mit 750 Musikern und Fans an Bord starten und eine Woche lang zu Konzerten durch Südamerika fliegen. Heute Sao Paulo, morgen Argentinien, und immer in engem Kontakt mit den Bands. Derzeit laufen Verhandlungen mit Fluggesellschaften.

Das Schiff, die Berge und die Boeing richten sich an Metaller, die etwas in die Jahre gekommen sind und wenig Lust haben auf Campen im Schlamm und drei Tage Ravioli aus der Dose. Dennoch bleibt das Festival am ersten Wochenende im August das Kerngeschäft. Das ist die Marke, weltweit. Und auf die werden etwa 70 Prozent der Arbeit verwendet. Für die übrigen Projekte gibt es teils eigene Gesellschaften, aber es läuft auch viel parallel.

Sie haben mal Wacken-T-Shirts über Tchibo und Real verkauft, sagt Hübner. Ein Fehler, er wurde schnell korrigiert. Heute regeln sie das gesamte Merchandise-Geschäft selbst. Sie verkaufen Tickets, betreiben Buchhaltung, Controlling, Promotion und Onlinemarketing. Sie managen als Booking-Agentur Bands wie Saxon, Doro und Uli Jon Roth, bei Santiano arbeiten sie mit Semmel Concerts zusammen, der Agentur von Helene Fischer.

Und es kommt anderes hinzu: Schiffstouren mit Sternekoch und Stefan Gwildis, Peter Maffay an Bord der „Queen Mary 2“, Johannes Oerding und Wingenfelder im September in Timmendorfer Strand — die Wacken-Leute sind überall beteiligt. Genauso wie bei den „Metal Dayz“ und dem „Elbriot“ in Hamburg, dem „Rheinriot“ in Köln und dem „Strongman-Run“ Mitte April in Wacken. Es gibt Wacken TV und Wacken Radio, und eine Wacken-Stiftung sowie das „Music Camp“ zur Förderung des Metal-Nachwuchses gibt es auch.

„Wenn, dann muss man jetzt Gas geben“, sagt Hübner. Und dabei verlassen sie sich zunächst aufs Bauchgefühl. Aber sie tun nichts auf Verdacht. Sie machen Umfragen während des Festivals, sie kooperieren mit der Fachhochschule in Heide, und sie haben Geduld. Auch die „Winter Night“ ist erst mal auf drei Jahre angelegt. Es muss zu Wacken passen, sagt Hübner. Unter dem Schirm suchen sie nach neuen Ideen für die Metal-Gemeinde, die das „Mutterfestival“ aber nicht gefährden. Bisher gibt ihnen der Erfolg recht: Wenn das größte Metal-Festival der Welt binnen Stunden ausverkauft ist, machen die Veranstalter nicht viel falsch. „Wichtig ist, es muss den Leuten gefallen, die es bezahlen“, sagt Hübner. „Nicht denen, die meckern.“

Peter Intelmann

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