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Wagner auf der leeren Bühne

Lübeck Wagner auf der leeren Bühne

Regisseurin von „Der fliegende Holländer“ wurde bei der Premiere ausgebuht.

Lübeck. Wenn ein Schiff zu viel Tiefgang hat, besteht die Gefahr, dass es auf Grund läuft. Und wenn eine Inszenierung mit Ideen überfrachtet ist und deshalb keine Stringenz besitzt, dann ergeht es ihr ebenso. Regisseurin Aniara Amos ist mit ihrer Sicht auf Richard Wagners romantische Oper „Der fliegende Holländer“ bei der Premiere am Freitag im Theater Lübeck tatsächlich auf Grund gelaufen.

In den zweieinhalb Stunden der Aufführung wurde nicht klar, welchen Aspekt der Oper die Regisseurin, die auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, in den Mittelpunkt ihrer Interpretation setzen wollte. Senta erschien gleich in drei Lebensaltern auf der Bühne, ihr Vater Daland in zwei, Kindesmissbrauch wurde angedeutet, dieser Aspekt wurde aber nicht weitergeführt. Daland betrachtet seine Tochter als Ware, die er dem offensichtlich reichen fremden Seemann anbietet – diese Deutung ist ebenso wenig originell wie die Vervielfältigung der Personen.

Auf der bis auf zwei Badewannen leeren Bühne sollen letztlich zwei Wertesysteme kollidieren, so könnte man zum Beispiel die Kostümierung von Daland und dem Holländer deuten. Daland in weißer Kapitänsuniform, der Holländer ganz in Schwarz (mit einer Frisur, die eher an den Räuber Hotzenplotz erinnerte). Darin ist immerhin ein System zu erkennen, die Symbole sind überdeutlich. Warum aber Dalands Steuermann mit Totenkopf, hochhackigen Schuhen und langer Zigarettenspitze auftreten muss, erschließt sich nicht. Auch nicht die oft seltsamen Choreografien von Aniara Amos. Da müssen der Steuermann, Daland und der Holländer drei Mann in einem Boot geben – warum nur? Und warum sich Senta gegen Ende von der gesamten Besatzung Dalands mit Wasser begießen lassen muss erscheint ebenso rätselhaft.

Es ist eine Inszenierung der Andeutungen, der jedoch die Stringenz fehlt. Der Hintergrund ist bestimmt durch abstrakte Bilder, die die Farbe wechseln und entfernt an Munch erinnern (man ist schließlich in Norwegen). Einmal taucht sogar das Schiff des Holländers auf, mit der jungen Senta als Galionsfigur, wieder stellt sich die Frage nach dem Sinn.

Gelungen sind hingegen fast alle Massenszenen, hier zeigt sich das choreografische Können von Aniara Amos. Die Sängerinnen sind auch hinreißend geschminkt und kostümiert, sie verströmen Kälte und Engherzigkeit. Dass die Matrosen im Kieler Knabenanzug anzutreten haben, ist leider schon weniger innovativ.

Auch musikalisch hielt sich das Vergnügen an diesem Opernabend in Grenzen. Stimmlich herausragend war Miina Liisa Värelä als Senta, die differenziert und mit großer Stimmfülle ihre Partie meisterte.

Auch darstellerisch wirkte sie überzeugend. Eine Luxusbesetzung in der kleinen Rolle der Mary war Wioletta Hebrowska, die Wandelbarkeit ihrer Stimme verblüfft immer wieder.

Taras Konoshchenko als Daland geriet an die Grenzen seiner Möglichkeiten. In der Tiefe fehlte es seiner Stimme gelegentlich an Volumen. Erik-Darsteller Heiko Börner sang zuverlässig, Daniel Jenz als Steuermann schlug sich trotz seiner seltsamen Verkleidung sehr wacker. Rätselhaft hingegen der Auftritt von Oliver Zwarg als Holländer. Es fehlte ihm oftmals an Dramatik und emotionaler Intensität, ausgerechnet der verzweifelte Verfluchte wirkte dadurch wie unbeteiligt – seltsam. Der von Jan-Michael Krüger einstudierte Chor hingegen sang prächtig und agierte mit Elan und Ausdruckskraft.

In seiner letzten Opernproduktion als Lübecker Generalmusikdirektor bot Ryusuke Numajiri eine der besten Leistungen seiner Amtszeit. Zwar war das Orchester wie so oft an vielen Stellen zu laut, Numajiris schnelle Tempi passten zu Wagners Partitur. Im Orchester spielten die Streicher solide und zuverlässig. Selten hat man jedoch von den Lübecker Philharmonikern so viele klappernde Bläser-Einsätze wie an diesem Abend.

Am Ende dieses insgesamt nicht recht überzeugenden Abends gab es viel Applaus für Miina Liisa Värelä, Wioletta Hebrowska, Daniel Jenz und den Chor. Auch Ryusuke Numajiri wurde vom Lübecker Opernpublikum mit großem Beifall verabschiedet. Als jedoch Regisseurin Aniara Amos auf die Bühne kam, gab es so viele wütende Buhs, wie man sie hier schon lange nicht mehr gehört hat.

Nächste Vorstellungen: 15. Juni (18 Uhr), 24. Juni (19.30 Uhr), 9. Juli (16 Uhr). Wiederaufnahme in der kommenden Saison.

Jürgen Feldhoff

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