Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Wahre Freunde kann niemand trennen

Lübeck Wahre Freunde kann niemand trennen

Premiere im Theater Partout: „Abschiedsdinner“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière.

Lübeck. Das Wort „Freund“ hat in den letzten Jahren seine Bedeutung radikal verändert. Seitdem es Facebook gibt, entstehen „Freundschaften“ auf virtuellem Weg, wer immer sich für die eigenen Einträge interessiert, ist plötzlich ein „Freund“. Früher war das anders, da gab es noch Freunde aus Fleisch und Blut, die niemand trennen konnte, wie einst Franz Beckenbauer sang (sang?).

 

LN-Bild

Ein Trio infernale (von links): Clote (Antje Temler), Pierre (Jörg Nadeschdin) und der verschrobene Antoine (Andreas Gräbe).

Quelle: T. Wulff

Solche realen Freunde haben aber manchmal die Eigenschaft, sich zu verändern, nicht immer zum Positiven, leider. Wie wird man solche Freunde los, wie entfernt man sie aus seinem eigenen Leben? Darum geht es in der Komödie „Abschiedsdinner“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, die am Freitag im Theater Partout Premiere hatte.

Das Rezept zur Bereinigung des eigenen Lebensumfeldes ist eigentlich ganz einfach: Man lädt die nicht mehr erträglichen Freunde zu einem Dinner ein, serviert ihnen ihr Lieblingsessen und einen kostbaren Wein aus ihrem Geburtsjahr, lässt sie genießen und teilt — sozusagen zum Dessert — mit, dass dies der letzte gemeinsame Abend war. Ganz einfach also. Aber wenn es wirklich so simpel wäre, alte Freunde auf die Rüben zu schicken, dann gäbe es diese Komödie nicht.

Die beiden Autoren sind Profis in der gehobenen Komödien-Klasse, sie haben ein Stück mit geschliffenen Dialogen erarbeitet, das zwar ein wenig abrupt endet, aber in bestem Sinne typisch französisch ist. Geistreich, witzig, elegant und doch mit der notwendigen Dosis Tiefgang versehen.

Regisseur Uli Sandau lässt das Abschiedsdinner auf einer Pariser Dachterrasse stattfinden. Die Häuserkulisse mit der beherrschenden Kirche Sacré-Coeur wirkt wie ein Scherenschnitt, ein Tisch und ein paar Stühle sind die einzigen Requisiten. Hier erwarten Clote und Pierre ihre alten Freunde Bea und Antoine, mit denen sie eigentlich nichts mehr zu tun haben wollen. Antoine erscheint jedoch allein, weil seine Freundin Theater spielen muss, eine sechsstündige Produktion auf der Straße, in der kein Wort gesprochen wird.

Antoine ist Hypochonder, Esoteriker und ein ausgesprochenes Weichei, er verfügt zudem über eine ausgesprochen entsetzliche Lache. Andreas Gräbe spielt diesen seltsamen Vogel mit Sinn für Absurdes und doch so lebensecht, dass man Mitleid mit diesem Sprachwissenschaftler haben muss, der sich den finnisch-ugrischen Sprachen verschrieben hat. Gräbe spricht (und lacht!) sehr gut, seine Körpersprache ist deutlich, aber nie überzogen — Freundschaft mit diesem Typen ist anstrengend, die Information wird deutlich.

Antje Temler gibt die Clote als hinreißende Zicke, heimtückisch und gemein im Innersten, aber ungemein charmant und jovial an der Oberfläche. Antje Temler trägt anfangs ein wenig zu dick auf, steigert sich aber im Verlauf stetig.

Zwischen den beiden extrovertierten Personen steht etwas verlorene Pierre. Jörg Nadeschdin zeichnet ihn als eigentlich liebenswerten Charakter, den die ganze Inszenierung des Abschiedsdinners zunehmend überfordert. Nadeschdin spielt zurückhaltend, er ist in diesem Stück ein Mann der leisen und ehrlichen Töne.

Regisseur Sandau führt sein Personal konsequent, es gibt keine Längen und Hänger in diesem Kammerspiel zu dritt. Die Dachterrasse wird zum Welttheater, am Ende geht es sogar um Leben und Tod. Das ist die Tiefe, die jeder guten Komödie innewohnen muss. Sandau hat sie mit seinen Schauspielern herausgearbeitet.

Nächste Aufführungen am 25. und 26. März.

Streit um einen Vornamen

Die Autoren Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte, beide 1971 geboren, haben gemeinsam Filmdrehbücher geschrieben und auch Kinofilme und Serien gedreht, bevor sie Theaterstücke verfassten. „Das Abschiedsdinner“ (Original: „Un dîner d‘adieu“) von 2014 ist das zweites Gemeinschaftswerk der beiden für die Bühne.

„Der Vorname“ (2010, „Le prénom“) ist bisher ihr bekanntestes Stück, das die beiden 2012 auch selbst verfilmten. Auch darin geht es um ein Abendessen in besseren Kreisen. Scheinbar beste Freunde sitzen sich gegenüber, man unterhält sich über die Namen der Kinder. Als Immobilienmakler Vincent behauptet, dass das Kind, das seine Frau Anna und er erwarten, Adolphe heißen soll — nach dem Helden eines Romans des Schweizer Schriftstellers Benjamin Constant (1767-1830) —, kommt es zum Streit und zu Missverständnissen. Der Name wird in der Gruppe ausschließlich mit Adolf Hitler in Verbindung gebracht. Obwohl Vincent seine Äußerung als Witz enttarnt, eskaliert die Situation.

Von Jürgen Feldhoff

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden