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Lübeck Wahre Liebe

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Der Spielclub des Theaters Lübeck kümmert sich um Fragen nicht nur für junge Leute.

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Rollen, Erwartungen und die Frage, ob man sie erfüllen sollte: die jungen Schauspieler von „Me, my sex and I“.

Quelle: Foto: Lutz Roessler

Lübeck. Irgendetwas stimmt nicht mit Leonard Zelig. Eigentlich ist er ein kleiner jüdischer Angestellter in New York, unscheinbar, ein Berwohner des toten Winkels. Aber wenn er neben einem Farbigen steht, verfärbt sich manchmal plötzlich seine Haut. Er bekommt einen Bauch neben dicken Leuten und wird zum Ganoven, wenn er mit Gangstern zu tun hat. Leonard Zelig ist ein Chamäleon, und eine Sensation ist er auch. Woody Allen hat die Geschichte 1983 in seinem Film „Zelig“ erzählt, eine großartige Betrachtung über das Sein und das Nichtsein, über Identität.

Der amerikanische Autor David Levithan hat sich dem Thema von einer anderen Seite genähert. Er hat ein Buch für Jugendliche geschrieben, „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ heißt es und ist vor drei Jahren auf Deutsch erschienen. Er erzählt darin von A., einer frei flottierenden jungen Seele, die jeden Morgen in einem anderen Körper aufwacht. Sie ist mal ein Draufgänger und mal scheu, mal weiblich, mal männlich, mal farbig, mal weiß, mal homosexuell und mal nicht. Sie ist jeden Tag jemand anderes und denkt, so geht es allen. Und sie muss immer wieder zurückkehren zu der Anfangssituation, wie ein Vampir, der das Sonnenlicht scheut. Eines Tages aber wacht sie im Körper von Justin auf und verliebt sich in dessen Freundin Rhiannon. Das ist gegen die Regeln, aber sie kann nichts dagegen tun. Und sie will es auch nicht. „Ich bin immer bereit zu gehen. Aber heute Abend bete ich darum zu bleiben“, sagt sie und findet Liebe eine ziemlich großartige Sache.

Aber wie ist es, jemanden zu lieben, der jeden Tag jemand anderes ist? Geht das überhaupt? Was liebt man denn, wenn sich alles immer ändert? Ist Liebe eine Sache des Moments? Und ist sie immer nur eine Frage an den anderen oder nicht vor allem eine an sich selbst?

Sebastian Börngen und seine jugendlichen Akteure vom Spielclub 4 des Theaters machen aus David Levithans Vorlage ein Spiel um die Suche nach Identität und sich selbst. In „Me, my sex and I“ geht es um Rollen, um Erwartungen und die Frage, ob man diese Erwartungen erfüllen sollte. Es geht um Dinge also, die gerade junge Menschen mehr beschäftigen können, als ihnen lieb ist. Im Grunde besteht Erwachsenwerden aus kaum etwas anderem als das. Man geistert durch verschiedene Entwürfe seines Lebens, und es ist überhaupt nicht gesagt, dass man morgen völlig unverständlich findet, was einen heute noch über die Maßen fasziniert.

In Sebastian Börngens Inszenierung geschieht das mit sparsamen Mitteln. Das junge Ensemble braucht nicht viel, um Situationen deutlich zu machen. Es ist eine karg möblierte Versuchsanordnung, eine Seelenwanderungsrevue, in der es laute Momente voller Schwung und Dynamik gibt und leise im gedämmten Licht. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“, heißt es an einer Stelle. „Deswegen dürfen wir aber einander nicht egal sein.“

Nächste Vorstellung am Mittwoch

„Me, my sex and I“ ist ein Projekt des Spielclubs 4. In der Inszenierung von Sebastian Börngen, der am Theater als Regieassistent tätig ist und bei dem Stück auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, sind zu sehen: Pia Fanick, Sabrina Hethey, Solveigh Jansson, Roxana Sander, Jonas Naumann, André-Stephané Schneider, Stientje de Wall.

Weiterer Termin: Mittwoch, 7. Juni, 19 Uhr im Jungen Studio.

David Levithan (Jahrgang 1972) hat zahlreiche Jugendbücher geschrieben. Der dem Stück zugrundeliegende Roman heißt im Original „Every Day“ ist von 2012 und hat den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 erhalten.

Peter Intelmann

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