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Wanderer in der Welt der Zeichen

Mailand Wanderer in der Welt der Zeichen

Der Schriftsteller, Sprachwissenschaftler und Philosoph Umberto Eco ist in Mailand im Alter von 84 Jahren gestorben.

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Umberto Eco stammte aus dem Piemont. Er lehrte viele Jahre an der Universität Bologna als Professor für Semiotik.

Quelle: dpa

Mailand. Er war ein Mann der Bücher, er besaß schätzungsweise 50000 Bände. Und weil er ein Mann der Bücher war, schrieb er auch selbst Bücher. Über seine Wissenschaft, die Semiotik (Lehre von Zeichen-Systemen), über politische Themen, über das Schreiben im Allgemeinen. Bekannt wurde Umberto Eco aber außerhalb der akademischen Kreise durch seine Romane. Seit dem Erscheinen von „Der Name der Rose“, die deutsche Übersetzung kam 1982 heraus, zählte Eco zu den wenigen europäischen Autoren intellektuell höchst anspruchsvoller Bestseller. Was sich zunächst wie ein Mittelalter-Krimi liest, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als komplexe Vernetzung von hunderten Zitaten und Anspielungen — an Belesenheit konnte es kaum ein anderer Autor mit Umberto Eco aufnehmen.

„Sie erteilen Legionen von Dummköpfen das Wort.“

Umberto Eco über die Ausbreitung der sozialen Medien im Internet.

Das Mittelalter war die Epoche, in der er seine Romane am liebsten spielen ließ. Promoviert hatte Eco schließlich über den Kirchenvater Thomas von Aquin, der ihn „vom Glauben heilte“. Denn Umberto Eco gehörte zu den schärfsten Kritikern von Religion und Kirche. Von ihm stammt der Ausspruch, ein „aufrichtiger“ Mensch müsse „Verachtung“ für die Religion zeigen, weil sie den Tod mit Angst und das Leben mit Hass verbinde. Solch Sätze zu publizieren, traute sich kaum ein Intellektueller. Eco aber trat nicht nur der Kirche, sondern auch seinem realen Lieblingsfeind Berlusconi immer wieder unerschrocken entgegen. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versuchte der in Bologna lehrende Eco, die Herrschaft der personifizierten Korruption in Italien zu verhindern — oder zumindest zu geißeln. Ecos letzter Roman „Nullnummer“ beschreibt einige der Machenschaften, mit denen Berlusconi sich die Macht erschlichen hat.

Für die Darstellung des real existierenden Italien brauchte Umberto Eco noch nicht einmal eine seiner geliebten Verschwörungstheorien zu erfinden — die Wirklichkeit hatte die Fiktion längst überholt.

Dabei waren gerade diese Verschwörungstheorien von großem Reiz. In „Das Foucaultsche Pendel“ ging es um eine Verschwörung von Tempelrittern, in „Der Friedhof von Prag“ um das Agieren antisemitischer Kreise, die mit Hilfe professioneller Fälscher die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ in Umlauf bringen. Auch in diesem Roman hat man Anspielungen auf Berlusconi und seine Clique finden können. Man musste sich nur in das Zeichen-System des Semiotikers einlesen, um diese Meta-Ebenen betreten zu können.

Die Brillanz der Schriften Umberto Ecos und seine nie nachlassende Produktivität sind immer noch frappierend. Neben den Romanen schrieb er Kinderbücher und kulturkritische Werke, darunter eine „Geschichte der Schönheit“ und eine „Geschichte der Hässlichkeit“. Wunderbar zu lesen ist auch Ecos „Geschichte der legendären Länder und Städte“ — hier übertrifft sich der Autor selbst.

Bis kurz vor seinem Tod nach langer Krebserkrankung arbeitete Umberto Eco auch unermüdlich als politischer Kolumnist. Er wandte sich nicht zuletzt gegen den allgemeinen Trend zur Verblödung, der die westlichen Gesellschaften seiner Meinung nach seit der Einführung des Internets ergriffen hat. Und gegen die Reduzierung der politischen Sprache auf Floskeln — was natürlich ein Kampf gegen Windmühlenflügel ist. Umberto Eco war ein gnadenloser Kritiker, wenn er die gesellschaftlichen und kuturellen Defizite seines Heimatlandes und der gesamten Welt aufdeckte. Dennoch blieb er ein Utopist, allerdings einer ganz bestimmten Art. Menschen könnten ohne Utopien nicht leben, postulierte Umberto Eco. Aber Utopien dürften niemals in die Realität umgesetzt werden, das sei in der gesamten Menschheitsgeschichte schiefgelaufen. Zum Beispiel, als Lenin versuchte, die Marx‘schen Utopien umzusetzen — wer möchte Eco in diesem Punkte widersprechen?

Diese Stimme wird fehlen in der Auseinandersetzung über die Zukunft der Welt. Ein großer Intellektueller weniger auf diesem Globus.

Paraderolle für Sean Connery in „Der Name der Rose“

Den Schriftsteller Umberto Eco haben viele Menschen erst durch die Verfilmung seines Bestsellers „Der Name der Rose“ mit Ex-Bond-Darsteller Sean Connery (heute 85) kennengelernt.

Das mehr als zweistündige Epos kam 1986 ins Kino und hatte damals allein in der Bundesrepublik sechs Millionen Besucher. Ein Großteil der Innenaufnahmen für die deutsch-französisch-italienische Koproduktion wurde im Kloster Eberbach in Eltville am Rhein (Hessen) gedreht. Noch heute zehrt das Kloster von den Dreharbeiten und bietet Führungen zum Thema an. Drei Jahre lang waren der heute 72 Jahre alte französische Regisseur Jean-Jacques Annaud und der Filmproduzent Bernd Eichinger (1949-2011) durch Europa gereist, um einen passenden Drehort zu finden. Mehr als 300 Klöster sollen sie sich angesehen haben, bis schließlich Eberbach im Rheingau das Rennen machte.

Umgestaltungen waren beim mittelalterlichen Zustand des Gebäudes fast unnötig. „Strahlende Augen“ soll Annaud bekommen haben, als er das Kloster zum ersten Mal betrat, wie ein damals involvierter Abt sagte. Das Kloster bot die Innenkulisse für die Detektivgeschichte um den Franziskanermönch William von Baskerville (Connery) und seinen Novizen Adson (Christian Slater) im Jahr 1327. Nach rätselhaften Todesfällen in einer apenninischen Abtei, wo er eigentlich nur an einem theologischen Disput teilnehmen sollte, wird William zum Ermittler. Bis er schließlich herausfindet, dass alle Opfer an einem vergifteten Buch gestorben sein mussten.

Die deutschen Rechte für den Roman „Der Name der Rose“ hätte der Suhrkamp-Verlag nach den Worten seines Cheflektors Raimund Fellinger einst für 15000 Mark kaufen können — und lehnte ab. „Verleger Siegfried Unseld wollte nur 12000 bezahlen“, sagte Fellinger der „Süddeutschen Zeitung“. „Der Hintergrund war, dass wir zwei Bücher von Eco in unserem Wissenschaftsprogramm hatten. Von denen hatten wir nur 800 Stück verkauft.“

Jürgen Feldhoff

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