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Wanderer zwischen den Welten

Lübeck Wanderer zwischen den Welten

20 Konzerte hat Avi Avital beim SHMF gespielt. Und das Festival als etwas sehr Besonderes schätzen gelernt.

Lübeck. Zwei Monate an einem Ort? Das kommt bei ihm nicht häufig vor, sagt Avi Avital. Zuletzt vielleicht zu Highschool-Zeiten, das könnte sein. Auf jeden Fall ist es schon lange her. Jetzt hat er es wieder erleben dürfen, als Artist in Residence des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF), und es hat ihm sehr gefallen.

Den Juli und den August hat er mit seiner Familie in der Lübecker Altstadt verbracht, oben unterm Dach eines 800 Jahre alten Hauses nahe dem Hansemuseum. Mit einem gemalten Geist auf der Haustür, mit mächtigen Balken und Backsteinmauern, die sich bemerkenswert nach außen wölben. Das war der Hafen, den er immer wieder angelaufen ist nach seinen Konzerten.

20 Stück waren es insgesamt, überall zwischen den beiden Meeren. Er war im Dom zu Lübeck und im Schloss Wotersen, in Sieseby und Ratzeburg, er war auf Föhr, in der Elbphilharmonie und im umgebauten Kuhstall in Pronstorf. Es gab zehn unterschiedliche Programme, und es gab eine Reihe unterschiedlicher Partner: Jazz mit Omer Avital, Klezmer mit Giora Feidman, Experimentelles mit Hauschka, Zugaben mit David Orlowsky, dazu Klassisches allein, mit Streichquartett oder Orchester.

Erst mal in den Urlaub

Jetzt hat er diese Serie hinter sich und mehr Zeit, sich ein paar andere Konzerte anzuhören. Morgen spielt er noch einmal mit dem Cembalisten Mahan Esfahani bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern in Parchim, am Sonntag ist das SHMF-Abschlusskonzert in Kiel. Und dann geht es vor der nächsten Konzerttournee erst mal in den Urlaub nach Schloss Elmau in den Alpen, wo die Kanzlerin vor zwei Jahren zum G-7-Gipfel geladen hatte, als Amerika noch einen Präsidenten hatte und keinen . . . anderen.

Es war seine Idee, als „Porträtkünstler“ auch vor Ort zu wohnen. Und zwar nicht im Hotel, sondern in einem Apartment. Er wollte nicht zu den Konzerten abgeholt werden, spielen und dann wieder wegfahren, sagt er. Er wollte Teil des Festivals sein. Er wollte die Atmosphäre mitbekommen, dieses besondere Gefühl.

Also ist er eingezogen mit seiner Frau Roni Mann, dem vierjährigen Sohn Hillel und mit vier seiner acht Mandolinen: einer zum Üben, einer für Barock-Musik, einer Mandola und seiner Lieblingsmandoline, die Arik Kerman in Israel für ihn gebaut hat. Die ist lauter als andere, sie macht mehr „sounds and colours“ möglich, sie ist genau die, die er braucht für seine Kunst.

Er hat sich also eingerichtet oben unterm Dach, hat dort geübt oder in einem kleinen Raum in der Festival-Zentrale Schloss Rantzau – und hat die Stadt schätzen gelernt. Hat sich umgesehen zwischen den alten Mauern, ging mit seinem Sohn zum Schwimmen, war in Travemünde und merkte irgendwann, dass man ihn erkannte auf der Straße oder im Restaurant. Irgendwer war meistens da, der ihn im Konzert oder sonstwo gesehen hatte. Er war Teil dieses Festivals geworden und Teil dieser Stadt.

Ein junger Mann von 38 Jahren sitzt einem da gegenüber, freundlich und zugewandt, pendelnd zwischen Deutsch und Englisch. Ein Mandolinist von Weltrang, der mit 120 Konzerten im Jahr in den Konzertsälen zwischen New York und Athen zu Hause ist und seit acht Jahren in Berlin, wo er mit seiner Familie mitten in der Stadt wohnt und wo seine Frau als Professorin an der noch jungen Barenboim-Said-Akademie Philosophie und politische Theorie lehrt.

Berlin habe ihn interessiert, sagt er. Die Stadt ziehe eine Menge kreativer Leute an. Es sei sehr kosmopolitisch und ein wenig wie am Montmartre in Paris zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, als Strawinsky und Picasso dort lebten, Hemingway und Debussy. Die Belle Epoque, eine wunderbare Epoche, fürwahr, und Berlin komme dem derzeit sehr nahe. Er wolle dabei sein, so lange es anhalte. Und mit all dem Raum für Kunst und freie Gedanken in der Stadt, mit einem Fotografen, einem Songwriter und einem Operndirektor als Nachbarn sei das immer noch der Fall.

Freie Hand beim Programm

Er hatte völlig freie Hand bei der Gestaltung seiner Festivalprogramme. „Carte blanche“, sagt er. Er konnte machen, was er wollte. Und er hat das genutzt, um eine ganze Bandbreite an Genres und Kontrasten auszumessen. „Between Worlds“ hieß denn auch ein Programm mit Ksenija Sidorova (Akkordeon) und Itamar Doari (Percussion), „Zwischen Welten“ also. Und bei „Venezia“ gab es neben Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ venezianische Gondellieder zu hören.

Es sei eine Momentaufnahme von ihm im Jahr 2017 als Musiker und Künstler, sagt er. Aber es sei eben auch selbstverständlich für jemanden, der in Israel in einer multikulturellen Umgebung groß

geworden ist, der in einer Rockband Schlagzeug gespielt hat und am Konservatorium klassische Mandoline. Der überhaupt wenig hält von Schubladen und anderen Begrenzungen. Er ist es gewohnt, zwischen den Genres zu wechseln, und sein Instrument ist es auch.

18 der 20 Konzerte waren vor Festivalbeginn ausverkauft, das war schon besonders, sagt er. Wie er das Festival und das Publikum überhaupt als sehr besonders erfahren hat. Die Orte seien sehr verschieden, aber überall sei ihm eine Festlichkeit begegnet, ein Stolz der Menschen auf die Konzerte und eine Dankbarkeit. Das SHMF sei tief in der Region verankert und biete den Menschen „etwas sehr Schönes und Wichtiges“. Es habe seine Erwartungen jedenfalls übertroffen und ihn als Musiker und als Künstler weitergebracht. Er nehme viele Erfahrungen mit. „Ich komme sehr inspiriert aus diesem Sommer“, sagt er. Das ist nicht das Wenigste, was man nach einer solchen Zeit behaupten kann.

Im Oktober wieder in Deutschland

Avi Avital (38) wurde in Beerscheba im Süden Israels am Rande der Negev- Wüste geboren. Seine Familie stammt ursprünglich aus Marokko. Mit acht begann er Mandoline zu spielen, studierte in Jerusalem und bei Ugo Orlandi in Padua. Zu seinen Mentoren zählt auch der Klezmer-Musiker Giora Feidman. 2010 wurde Avi Avital als erster Mandolinenspieler überhaupt in der Kategorie „Bester Instrumentalsolist“ für einen Grammy nominiert. Er war schon häufiger zu Gast beim Schleswig-Holstein Musik Festival, in diesem Jahr gestaltete er das Solistenporträt.

Neben seinen 20 Konzerten hat er auch einen Mandolinen-Workshop geleitet und zum ersten Mal dirigiert. Das Projekt sei eine ganz besondere Erfahrung für ihn gewesen, sagt er.

Nach einer kurzen Pause spielt er ab September Konzerte in Israel und in einigen europäischen Ländern, bevor er ab dem 17. Oktober für acht Gastspiele wieder in Deutschland zu hören ist. Anschließend begibt er sich auf eine Tour durch die USA.

Peter Intelmann

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