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Wanderungen durch das Märchenreich

Lübeck Wanderungen durch das Märchenreich

Günter Kunert wird am Sonntag 87 Jahre alt. Grund genug für den Hanser Verlag, einen Band mit Kurzgeschichten des Autors vorzulegen, der seit seiner Ausreise aus ...

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Günter Kunert, der am Sonntag 87 wird, lebt seit 1979 zurückgezogen auf dem Land in der Nähe von Itzehoe.

Quelle: Fotos: Dpa

Lübeck. Günter Kunert wird am Sonntag 87 Jahre alt. Grund genug für den Hanser Verlag, einen Band mit Kurzgeschichten des Autors vorzulegen, der seit seiner Ausreise aus der DDR 1979 in der Nähe von Itzehoe lebt. Die Erzählungen, von denen die älteste aus dem Jahr 1954 stammt, sind verstreut bereits erschienen, in Zeitschriften, Zeitungen, Anthologien und auch in Privatdrucken. Sie waren deshalb kaum bekannt und kaum greifbar — umso verdienstvoller seitens des Verlages, nach zehn Jahren Pause wieder einen Band mit Kunerts Kurzprosa vorzulegen, der den bezeichnenden Titel „Vertrackte Affären“ trägt.

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Günter Kunert wird am Sonntag 87 Jahre alt. Grund genug für den Hanser Verlag, einen Band mit Kurzgeschichten des Autors vorzulegen, der seit seiner Ausreise aus ...

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Günter Kunerts Erzählungen kreisen häufig um Stoffe und Themen, die aus Märchen und Mythen bekannt sind. Da ist etwa ein Herr O. unterwegs und erinnert sich an die gefahrvollen Reisen seiner Jugendjahre, während derer er einst einem einäugigen, außerordentlich großen Herrn sehr wehgetan hatte. Oder ein Herr Wolf, der mit einem Fräulein Rotkeppel anbändelt, sich in das Bett von deren Großmutter legt und schließlich von einem Polizisten namens Förster als vermeintlicher Einbrecher erschossen wird. Dass es sich bei den Protagonisten um Odysseus und den bösen Wolf aus „Rotkäppchen“

handelt, liegt auf der Hand. Und dennoch sind die Paraphrasen Günter Kunerts nicht nur humoristisch von Gewicht, sie bestechen auch durch ihre sprachliche Perfektion. Knapp, schon fast lakonisch ist der Stil, in dem der Autor erzählt, auf engstem Raum lässt er Dinge geschehen, für die andere Schriftsteller Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte von Seiten benötigen. Kunert ist ein Meister der Kurzgeschichte — und kaum ein Schriftsteller, der sich dieser Form bedient, hat so viel zu sagen.

Denn es gibt in den „Vertrackten Affären“ auch solche, die alles andere als lustig sind. Die Hinrichtung eines Mannes aufgrund einer Namensverwechslung zum Beispiel. Diese Geschichte spielt in einem offensichtlich totalitären System, in dem in Gefängnissen eiserne Ordnung herrscht. Wenn ein Hinrichtungsbefehl kommt, wird eben exekutiert, und wenn man keine Guillotine hat, benutzt man eben einen alten Dragonersäbel aus dem Stadtmuseum. Ordnung muss sein — wem fallen dabei nicht die NS-Diktatur oder die direkte Nachfolge-Diktatur der DDR ein?

An der DDR arbeitet sich Kunert ausdauernd ab. Treffen über die Berliner Mauer hinweg werden beschrieben, Kollisionen zwischen Privatem und der Obrigkeit, den vorgeschriebenen Gefühlen. Und dann ist da noch die Geschichte des Funktionärs, dessen linkes Augenlid zuckt, was auf seine Gegenüber wirkt, als zwinkere er ihnen zu. Weil er immer zwinkert, nimmt ihn niemand ernst, so öffnen sich dem wackeren Beamten die Pforten der Korruption. Sagt er seinem Fahrer: „Nach Hause!“ und zwinkert dabei, fährt der ihn prompt in zwielichtige Etablissements — und so weiter. Dass Günter Kunert diese Geschichte durch die Zensur der DDR bekommen hat, ist verwunderlich.

In den Geschichten, deren jüngste 2010 entstand, finden sich viele erotisch heftig aufgeladene Passagen. Aber diese Erotik ist so gut wie nie freudvoll, sie ist im Gegenteil ausgesprochen desillusionierend, sie macht ganz einfach traurig. Das entspricht dem Weltbild des bekennenden Pessimisten Günter Kunert. Eine frohe Zukunft sieht der Autor nicht — und jede Nachrichtensendung kann ihn in dieser Haltung nur bestätigen. Es sind tatsächlich „Vertrackte Affären“, mit denen wir uns herumschlagen müssen. Genau wie Odysseus, der als alter Mann auf die Insel der Kirke zurückkehrt. Und mit wem verbringt er unwissentlich die Nacht? Mit einem Schwein.

„Vertrackte Affären“ von Günter Kunert, Hanser, 250 Seiten, 21,90 Euro.

Vielseitiger Schriftsteller

Günter Kunert wurde am 6. März 1929 in Berlin geboren. Nach dem Besuch der Volksschule war es Kunert, dessen Mutter Jüdin war, auf Grund der nationalsozialistischen Rassengesetze nicht möglich, eine höhere Schule zu besuchen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges studierte er in Ost-Berlin fünf Semester Grafik, brach sein Studium dann jedoch ab. 1948 trat er der SED bei. 1972/73 war er Gastdozent an der University of Texas in Austin, 1975 an der University of Warwick in England. Kunert gehörte 1976 zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Daraufhin wurde ihm 1977 die SED-Mitgliedschaft entzogen. 1979 ermöglichte ihm ein mehrjähriges Visum das Verlassen der DDR, seitdem lebt Kunert in Kaisborstel bei Itzehoe.

Günter Kunert gilt als einer der vielseitigsten Gegenwartsschriftsteller. Neben Lyrik schrieb er Kurzgeschichten, Essays, autobiographische Aufzeichnungen, Aphorismen, Glossen und Satiren, Märchen und Science-

Fiction, Hörspiele, Reden, Reiseskizzen, Drehbücher, Kinderbücher, einen Roman, ein Drama und anderes mehr. Kunert malt und zeichnet ebenfalls.

Von Jürgen Feldhoff

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