Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 15 ° Regen

Navigation:
Warten auf Godot mit Fenster zur Gegenwart

Hamburg Warten auf Godot mit Fenster zur Gegenwart

Stefan Pucher lässt das Stück in der von Becket vorgegebenen Schwebe. Eine spannende, aber auch konturlose Inszenierung am Thalia Theater.

Voriger Artikel
Ein Upgrade und viele neue Sinneseindrücke.
Nächster Artikel
Glücksgefühle auf der Live-Bühne

Wladimir (Jens Harzer, hinten knieend), Pozzo (Oliver Mallison, hinten sitzend) und Estragon (Jörg Pohl, vorn).

Quelle: Armin Smailovic

Hamburg. Viel Holz auf der Bühne im Thalia Theater. Zahllose Paletten, aufgetürmt zu einer gigantisch nach hinten ansteigenden Treppenanlage, auf der die Schauspieler sich in vielfältigster Weise bewegen können — trippelnd, schreitend, hüpfend, springend. In Stéphane Laimés Bühnenbild ist nichts mehr übrig geblieben von jener verlassenen Landstraße im Irgendwo und Nirgendwo, wie sie Samuel Beckett in der Regieanweisung zu seinem berühmten Stück „Warten auf Godot“ vorgibt. Alles anders, alles neu auch sonst in der Inszenierung von Stefan Pucher? Im Gegenteil.

Der per Popkultur künstlerisch sozialisierte Regisseur hält sich eng an Buchstaben und Geist der literarischen Vorlage, deren Sinn und Hintersinn in unzähligen, oft hochgestochenen Interpretationsversuchen nicht zu enträtseln war. Wer ist der sehnsüchtig erwartete, aber nie erscheinende Godot, wer sind Estragon und Wladimir, die wie Landstreicher aussehen, aber etwas ganz anderes sein könnten? Die Personen haben — wie das ganze Stück — bis heute ihr Geheimnis bewahrt.

Und Pucher lässt es klugerweise sein, daran ernsthaft zu rütteln. Rein äußerlich allerdings beamt er die beiden Hauptfiguren ins 21. Jahrhundert, wo Jogginghosen, Turnschuhe und hütchenartige Kappen gleichsam zur Grundausstattung prolliger Typen gehören. So angetan, spielen sie die schon tausendmal gespielten Spiele. Alte Fragen, alte Antworten. Clownsstücke zum Heulen traurig, Kalauer zum Abgewöhnen trivial. Blühender Blödsinn, hinter dem irgendetwas irritierend rumort. Aber was nur? Wir erfahren es nicht, und das ist auch gut so.

Dafür erleben wir eine zweite Erzählebene, ein Fenster zur Gegenwart. Im Blickpunkt: der von dem Landbesitzer Pozzo wie ein Sklave gehaltene und schrecklich traktierte Diener Lucky. Mit Koffern und anderem Zeug schwer bepackt, gehüllt in ein schwarzes Gewand und verhüllt mit einem burkaähnlichen Überwurf, schleppt sich Lucky mühsam dahin. Eine Figur, die sofort unterschiedliche Assoziationen auslöst. An arabische Menschen auf der Flucht, an unterdrückte Frauen in islamischen Ländern, an Folterungen im irakischen Abu-GhraibGefängnis. Flüchtige Bilder auf der Videowand verstärken die Eindrücke, korrespondierend mit dem, was auf der Bühne passiert. Wladimir darf zwischendurch eine ins absurd Dadaistische abdriftende Version des Kazim-Akboga-Hits „Is mir egal“ singen, und Estragon hält mit dem schnulzigen Song „I go to sleep“ dagegen.

Letztlich aber lässt der Regisseur die Aufführung in einer von Beckett vorgegebenen Schwebe. Eine Zurückhaltung, die allerdings nicht ganz folgenlos bleibt. Die Inszenierung wirkt streckenweise konturlos, unentschieden lavierend zwischen Werktreue und Aktualisierung. Spannend über zweieinhalb Stunden hinweg ist sie trotzdem, nicht zuletzt wegen der bravourös agierenden Schauspieler. Jens Harzer versteckt die Menschlichkeit des Wladimir hinter einer rauen Schale, Jörg Pohl konterkariert als Estragon dessen ständiges Nein-Sagen mit fast rührender Naivität, Mirco Kreibich ist ein verstörend fremdartiger Lucky, Oliver Mallisons Pozzo mutiert vom knallharten Herrenmenschen zum wimmernden Menschenwrack.

Nächste Vorstellungen: 5., 6. und 18. März. Karten: 040/32 81 44 44

Hermann Hofer

Voriger Artikel
Nächster Artikel