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Kultur im Norden Warum (fast) alle Deutschen Dresdner sind
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18:14 08.09.2016

Er lebt in New York, doch er kommt aus Dresden und hat die Stadt an der Elbe geistig nie ganz verlassen: Peter Richter, Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, wurde mit dem autobiografischen Wendezeit-Roman „89/90“ bekannt. Nun legt er eine Diagnose des Krankheitsbildes – oder sollte man sagen: der gesellschaftspolitischen Traumata? – seiner Heimatstadt vor.

„Dresden Revisited“ ist trotz des Titels keine demütige Rückkehr eines verlorenen Sohns, sondern eine Betrachtung durch die Augen eines Kosmopoliten. Dresden sei ja sogar im abgeschotteten New York ein Thema, seit die Minderheit der Pegida-Leute dort auf sich und die Stadt aufmerksam mache, selbst Tom Hanks habe ihn – „mit einem ethnologischen Interesse am gefährlichen Anderen“ – danach gefragt. Richter erkennt in gewissen fundamentaloppositionellen Regungen eingeborener Sachsen ein „südstaatenartiges Trotzbewusstsein gegenüber dem liberalen Norden (bzw. Westen)“. Und dann forscht er nach Resten deutschen Brauchtums in den USA. Mit – zum Beispiel – diesem Ergebnis: Der „Bavarian Beer Garden“ bei ihm in Brooklyn werde von Griechen betrieben, die gerne Kölsch in den Maßkrug zapften. Das sei nichts für Puristen, „aber dafür kommen sie einem in Amerika kaum noch mit Hitler und den Nazis“.

Und was können die Spezialdeutschen in Dresden von den USA lernen? Dass „weniger autoaggressive Apokalyptik und weniger volkserzieherischer Kitsch“ besser wäre. Und „wenn diejenigen, die in Sachsen am liebsten gar keine Fremden hätten, begreifen könnten, dass dadurch vor allem sie in der Bundesrepublik als fremd und unintegrierbar“ dastünden, wäre das schön. Er wolle darlegen, schreibt Richter, „dass fast alle Deutschen gegenwärtig in gewisser Weise Dresdner sind, ob sie wollen oder nicht. Und die, die nicht wollen, ganz besonders.“ Sein Buch macht es einem leicht, sich als engagierter Dresdner zu fühlen.

„Dresden Revisited – Von einer Heimat, die einen nicht fortlässt“ von Peter Richter, Luchterhand, 160 S., 18 Euro

Michael Berger

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