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Was die Tatorte erzählen

Berlin Was die Tatorte erzählen

„Blutiger Boden“: Die Fotografin Regina Schmeken zeigt im Berliner Martin-Gropius-Bau die Mord-Orte des NSU.

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„Man muss auch ein bisschen mutig sein“: Regina Schmeken vor ihren großformatigen Schwarz- Weiß-Fotos.

Quelle: Foto: Soeren Stache/dpa

Berlin. . „Hinrichtungen“ nennt Regina Schmeken die zehn Morde, die die rechtsextreme Terrorgruppe NSU auf dem Gewissen hat. Die Fotografin der „Süddeutschen Zeitung“ hat drei Jahre lang die Orte besucht, in denen die Gewalttaten verübt wurden – vor allem gegen türkische Kleinhändler.

Ihre eindringlichen Bilder sind jetzt in einer Ausstellung in Berlin zu sehen, während in München der Prozess gegen die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe nach mehr als vier Jahren langsam zu Ende geht. „Blutiger Boden – Die Tatorte des NSU“ ist der Titel der Schau im Berliner Martin-Gropius-Bau. Die großformatigen Schwarz-Weiß-Bilder entstanden mit Unterstützung des Militärhistorischen Museums Dresden und wurden zunächst dort gezeigt.

„Das Beklemmendste an diesen Fotografien ist, dass auf ihnen weder die Mörder noch die Mordopfer zu sehen sind“, schreibt der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger im Begleitbuch. „An Schmekens Aufnahmen wirkt gerade das Unauffällige, Banale und Gewöhnliche unheimlich.“

So steht etwa an dem Straßenrand in Nürnberg, an dem im September 2000 der türkische Blumenhändler Enver Simsek das erste Mordopfer wurde, wieder ein kleiner Blumenstand, allenfalls die Regenpfütze davor erinnert an eine Blutlache. Die Theresienwiese in Heilbronn liegt unberührt unter einem bleigrauen Himmel. Dort töteten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 2007 als letztes die Polizistin Michèle Kiesewetter durch einen Kopfschuss. Erst vier Jahre später wurde das Duo zufällig in Eisenach entdeckt, die beiden nahmen sich selbst das Leben.

„Diese Bilder können eine Barriere gegen das Vergessen sein“, sagte Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen, vor der Eröffnung der Ausstellung. Es sei beschämend, dass die Behörden die Täter lange im Umkreis der Opfer gesucht hätten. „Wenn es sich um zehn deutsche Kleinunternehmer gehandelt hätte, glauben Sie, das wäre auch passiert?“, fragte John. Museumschef Gereon Sievernich nannte die Bilder deshalb auch eine Mahnung an die Verantwortlichen, Behördenversagen rückhaltlos aufzuklären.

Für Regina Schmeken ist der Besuch an den Tatorten zu einer „Gedenkarbeit“ geworden, wie sie sagt. Zunächst habe sie Bedenken gehabt, die Bilder könnten zu viel Pathos bekommen. „Aber mich hat ’s bewegt, ich hab’ hingeschaut und versucht, das mit bildnerischen Mitteln in den Griff zu bekommen.“ Ob sie nicht auch Angst vor der rechtsextremen Szene habe, will ein Journalist wissen. „Man muss auch ein bisschen mutig sein, sonst machen die immer so weiter“, entgegnet die Fotografin. „Man muss doch etwas dagegensetzen.“

Nada Weigelt

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