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Was ist das Wertvollste im ganze Land?

Lübeck Was ist das Wertvollste im ganze Land?

Diese Frage beantwortet die Liste national wertvollen Kulturgutes. Es soll besser vor Zugriffen geschützt werden.

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Michael Weiß, Präses der Kaufmannschaft zu Lübeck, im prachtvollen Fredenhagen-Zimmer, das zum nationalen Kulturgut gehört.

Quelle: Fotos: Guido Kollmeier

Lübeck. Das Fredenhagen-Zimmer, ein Prunkgemach aus der Spät-Renaissance, befand sich einst in einem prachtvollen Lübecker Bürgerhaus unterhalb der Marienkirche.

Heute gehört es zum Haus der Kaufmannschaft in der Breiten Straße. Der kostbar vertäfelte Raum mit seinen über 1000 Figuren wird nur zu besonderen Anlässen genutzt. Manchmal wird er für Studenten der Kunstgeschichte oder andere gemeldete Besuchergruppen geöffnet. Allerdings dürfen sich höchstens fünf Menschen gleichzeitig dort aufhalten, damit die Luftfeuchtigkeit nicht ansteigt. Sie wird mit einem Hygrometer überwacht.

Denkmalpflege und Kaufmannschaft hüten den Schatz aus gutem Grund so sorgfältig: Das Fredenhagen-Zimmer ist ein einzigartiges Zeugnis großbürgerlicher Wohnkultur. Außerdem besitzt es eine Anerkennung, die bisher nur ganz wenigen Denkmälern zuteil geworden ist: Es ist in das Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes des Landes Schleswig-Holstein eingetragen. Das bedeutet unter anderem, dass es nicht ohne Genehmigung exportiert werden darf.

Von der Existenz einer solchen Liste und den damit verbundenen Einschränkungen wissen bisher die wenigsten. Im Falle Fredenhagen-Zimmer ist die praktische Bedeutung gering. „Wir werden uns sowieso nicht davon trennen“, sagt Michael Weiß, Präses der Kaufmannschaft zu Lübeck.

Weil Bund und Länder andere Güter aber in Gefahr sehen, soll ein Kulturgutschutzgesetz dafür sorgen, dass bedeutende Artefakte nicht verloren gehen oder ins Ausland verkauft werden. Die Wellen schlugen jedoch hoch, nachdem ein Referentenentwurf aus dem Haus von Kulturstaatsministerin Monika Grütters in die Öffentlichkeit geraten war. Grütters wurde sogar vorgeworfen, Künstler enteignen zu wollen. Der Maler Georg Baselitz zog Dauerleihgaben aus Museen ab — aus Sorge, bald nicht mehr frei über seine Werke verfügen zu können.

Dabei soll das geplante Kulturschutzgesetz nur für Kunstwerke gelten, die mindestens 50 Jahre alt sind. Viel Lärm um nichts?

Der Protest war immerhin so stark, dass die Befürworter kaum zur Kenntnis genommen wurden. Die bisherigen Regelungen werden vielfach als nicht ausreichend empfunden. Bisher sei der Kulturgutschutz in drei verschiedenen Gesetzen geregelt, teilte das schleswig-holsteinische Ministerium für Kultur auf Anfrage mit. Seit 1955 gebe es das Abwanderungsschutzgesetz, Grundlage für die Länder, Listen mit zu schützenden Werken zu erstellen. In Schleswig-Holstein wird seither eine solche Aufstellung geführt. Im Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes stehen zurzeit etwa 55 Gemälde, Schmuckstücke, Goethes Tafelsilber, Münzen, Waffen, Teppiche, Tapeten. Das meiste davon in Landesbesitz, Archivgüter sind in einer gesonderten Liste erfasst. Das an Kulturgütern von Rang so reiche Lübeck ist kaum vertreten.

Die Eintragung geschieht auf Antrag oder von Amts wegen. Wie viele Kulturgüter eigentlich auf die Liste gehören, aber noch nicht erfasst sind, mag das Ministerium nicht einmal schätzen, „zu heterogen ist der Gesamtbestand (Museen, Privatbeitz, sonstige kulturelle Einrichtungen)“.

Zu den Streitern für das neue Kulturgutschutzgesetz gehören auch die Lübecker Museen. Und überhaupt fast alle Museen, wie Hans Wißkirchen, Direktor der Kulturstiftung Lübeck, weiß. Die Kriterien dafür, was als nationales Kulturgut einzustufen ist, müsse mit dem neuen Gesetz festgelegt werden, sagt Wißkirchen. Für ihn steht außer Frage, dass vieles aus den Lübecker Sammlungen diese Kriterien erfüllen wird: der Mittelalterbestand mit den Altären im St. Annen-Museum, Bilder und Skulpturen der Klassischen Moderne im Behnhaus, Sammlungsstücke zu Thomas Mann und zu Günter Grass, letztere, wenn sie das erforderliche Alter haben. Andy Warhols Bild vom Holstentor aus dem Jahr 1980, das zurzeit im Holstentor zu sehen ist, sei mit Erreichen der Altersgrenze ebenfalls dazuzuzählen.

Wißkirchen setzt sich für das Kulturgutschutzgesetz ein, weil es sicherstellen werde, dass die Sammlungen der Museen unantastbar seien. „Es würde die Kulturgüter vor Debatten schützen, dass Kommunen in finanziellen Notlagen Kunst verkaufen sollten. Das ist dann nicht mehr möglich.“ Außerdem würden Spekulationen mit Kulturgütern erschwert.

Dass sich das Fredenhagen-Zimmer bis heute in Lübeck befindet, ist übrigens einem finanzkräftigen Retter zu verdanken. Eigentlich sollte das Prachtzimmer im Jahre 1818 nach Berlin verkauft werden. J.W. Brand, Ältermann der Kaufleute-Kompanie, erwarb es für 3360 Mark, was damals sehr viel Geld war, und schenkte es der Kompanie.

Liste zu schützender Kulturgüter: www.kulturgutschutz-deutschland.de

Prunkraum des reichsten Mannes der Stadt
Das Fredenhagen-Zimmer oder Fredenhagensche Zimmer entstand auf Auftrag des Lübecker Kaufmannes Klaus von Berken. Der Holzschnitzer Hans Drege, der vermutlich aus Lübeck stammte, hat elf bis zwölf Jahre, von 1572 bis 1583, daran gearbeitet.



An den Wandpaneelen aus Eichenholz mit Reliefs und Friesen aus Birnbaum und Alabaster sind biblische Szenen, Szenen aus der griechischen Mythologie und die fünf Sinne dargestellt.



Ursprünglich befand sich der prachtvolle Raum im Hause Schüsselbuden 16, das Thomas Fredenhagen (1627- 1709) später übernahm. So wurde er zum Namensgeber des Zimmers. Der Lübecker Kaufmann war der reichste Mann der Stadt. Als Mäzen förderte er die Künste. Fredenhagen war auch Ratsherr und Ältermann der Kaufleutekompanie.



Seit 1840 befindet sich das Fredenhagen-Zimmer im Hause der Lübecker Kaufmannschaft. Dort wurde es „mit einigen Weglassungen und Verletzungen“ eingebaut.

Liliane Jolitz

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