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Kultur im Norden „Was muss passieren, dass ihr etwas tut?“
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19:12 10.01.2018
Bagdad

Vergewaltigung ist eines der schlimmsten Wörter. Vergewaltigt wird an jedem Tag auf unserer Erde, doch die meisten Taten werden nie angeprangert. Nadia Murad, 25, will das nicht akzeptieren. Sie schreit heraus, dass Vergewaltigung ein Martyrium ist. Auch vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen: „Ich flehe euch an, die Menschlichkeit nicht zu vergessen.

Was muss passieren, dass ihr etwas tut?“

Nadia Murad hat eine starke Anwältin an ihrer Seite, Amal Clooney, Ehefrau des Schauspielers George Clooney. Im Vorwort von Murads Buch schreibt sie: „Nadia hat sich keine der Rollen aufzwingen lassen, die ihr das Leben zugedacht hat: Vergewaltigungsopfer, Sklave, Flüchtling. Stattdessen hat sie sich neue gesucht: Überlebende, Anführerin der Jesiden, Anwältin der Frauen.“ Das ist in diesem Fall besonders bemerkenswert, weil die Autorin aus einem sehr konservativen religiösen Milieu stammt. Bei den Jesiden gilt auch das Opfer eines Missbrauchs als beschmutzt. Murads starker Charakter hat sich darüber hinweggesetzt, sie will nicht zulassen, dass ihr und das Schicksal Tausender Frauen nur hingenommen wird. Sie will Würde und Gerechtigkeit.

Zu Beginn des Buches beschreibt sie ihr Dorf Kocho im Sindschar-Gebirge. Jesiden sind eine Minderheit, ähnlich den Drusen oder Kurden. Sie leben im Norden Iraks, in Nordsyrien und der südöstliche Türkei. Ihr Leben ist streng geregelt. Sie beten und arbeiten auf den Feldern, ernten Gemüse, backen Fladenbrote und schlafen in warmen Sommernächten auf dem Dach ihrer Häuser. Die 21-Jährige träumte heimlich von einem Kosmetiksalon, den sie gern gründen würde.

Im August 2014 erobern IS-Milizen die Siedlungen im Sindschar, ihnen gelten die Jesiden als Abtrünnige, sie nennen sie „Teufelsanbeter“. Das Massaker fällt äußerst grausam aus: 5000 Männer, darunter auch viele Jungen, töten sie. Sechs der Brüder von Murad werden ermordet, auch ihre Mutter. 2016 wird das Massaker von der Uno als Völkermord eingestuft. Das geschah nach Nadia Murads Aufschrei in New York vor den Vertretern der Staaten der Welt. Zuvor geschah das für die junge Frau Ungeheuerliche. Mehr als 7000 Frauen und Kinder wurden von IS-Horden verschleppt in die Großstadt Mossul. Vor allem jüngere Frauen waren nun „Sabia“, Sexsklavinnen. „Helden“ der IS bekommen sie zur Belohnung geschenkt, andere können sie kaufen.

Im Verständnis der Dschihadisten wird der Koran so ausgelegt, dass Vergewaltigung von Ungläubigen nicht als Sünde gilt. Es muss Nadia Murad eine immense Überwindung gekostet haben, auch Details zu schildern. Wie sie von einem Kämpfer zum anderen gereicht wurde. Sich waschen und zurechtmachen musste, bevor der Nächste nach ihr griff.

Nach mehreren Monaten der Demütigung kann sie dem Haus, in dem sie festgehalten wird, entkommen. Hilflos läuft sie durch die Straßen Mossuls auf der Suche nach Hilfe. Sie klopft an Türen und appelliert verzweifelt: „Stellt euch bitte vor, ihr hättet eine junge Tochter, die aus ihrer Familie herausgerissen wurde und all diesen Vergewaltigungen ausgesetzt war. Stellt euch das bitte einfach nur vor, während ihr überlegt, was ihr jetzt mit mir machen sollt.“

Die traumatisierte Jesidin kann dem Terror entkommen. 2015 gelangt sie mit einem Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder nach Baden-Württemberg. Sie war gerettet und hätte das Geschehene verschweigen können. Doch sie dachte an die anderen Sexsklavinnen und entschied sich, mit ihrer Wut und Empörung an die Öffentlichkeit zu gehen. Nadia Murad hat sich nicht geschont, sie hat sich zur Stimme der Vergewaltigten gemacht.

Nadia Murad: „Ich bin eure Stimme.“ Geschrieben mit der US-Journalistin Jenna Krajeski.

Aus dem Englischen von Ulrike Becker, Jochen Schwarzer und Thomas Wollermann. Droemer Knaur, München,

376 S., 19,99 €

Roland Mischke

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