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„Was passiert, wenn Kissinger stirbt? Dann wird Nixon Präsident“

„Was passiert, wenn Kissinger stirbt? Dann wird Nixon Präsident“

Neue Biographien über Henry Kissinger beleuchten Leben und Wirken des wohl einflussreichsten Strippenziehers der US-Politik der vergangenen 50 Jahre.

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DER MODERNE MANN

Geist- und einflussreich: Ex-US- Außenminister Henry Kissinger.

Lübeck „Kennen Sie dieses obsessive, hämmernde Geräusch von Regen, der aufs Dach fällt? Seine Stimme klingt genauso. Und eigentlich auch seine Gedanken.“ So urteilte einst Star-Interviewerin Oriana Fallaci über den „Aal, eisiger als Eis“.

Kissinger, der Unheimliche.

„Nächste Woche kann es keine Krise geben. Mein Terminkalender ist voll“.

Kissinger, der Spötter.

„Niemand wird je den Kampf der Geschlechter gewinnen – es wird einfach zu viel mit dem Gegner fraternisiert“.

Kissinger, der Don Juan.

Berater und inoffizieller Unterhändler der US-Präsidenten Kennedy und Johnson, Sicherheitsberater und Außenminister von Richard Nixon und Gerald Ford, Vorsitzender der Mittelamerika-Kommission unter Ronald Reagan, Berater für Geheimdienstfragen unter George H.W. Bush, seit Bush dem Jüngeren Mitglied im Pentagon-Beratungsgremium für Verteidigungspolitik.

Kissinger, der Machtmensch.

Gerade ist diese möglicherweise einflussreichste Gestalt der US-Politik der letzten 50 Jahre 93 geworden. Henry Kissinger wird glühend gehasst als Mann, der Chiles Demokratie und Salvador Allende hinrichten ließ, als treibende Kraft hinter US-Interventionen in aller Welt, als „Psychopath“ bezeichnete ihn Richard M. Nixon, auch kein Paradebeispiel für geistige Gesundheit.

Nun aber begegnet uns dieser Hunderttausendsassa der Weltpolitik als „Idealist“ – jedenfalls heißt es so im Untertitel des ersten Teils einer monumentalen Rundum-Biographie von Niall Ferguson, der in Kissingers Wirken auch den Versuch sieht, Immanuel Kants Weg „Zum Ewigen Frieden“ mit realpolitischen Mitteln zu finden.

Rund 1100 Seiten umfasst dieser Band – und die Fülle an Details aus Kissingers Leben ist fast überwältigend. Zehn Jahre intensive Forschungsarbeit hat der britische Historiker in dieses Projekt gesteckt.

Ferguson reiste mit Kissinger, interviewte ihn, seine Frau und Freunde immer wieder, sichtete alles, was je von und über Kissinger verfasst wurde, 8380 Dokumente in der Kongressbibliothek, 37 645 Seiten umfasst allein die digitalisierte Kissinger-Datenbank.

Wer sich durch diese aus all dem kompilierte offizielle Biographie fräst, wird feststellen, dass der Blick auf den Forschungsgegenstand zumindest kein unfreundlicher ist; es werden wichtige Stationen der US-Politik – und damit der globalen Zeitgeschichte – passiert, in jenem leserfreundlichen Stil, der an angloamerikanischen Historikern zu Recht so gelobt wird.

Wer meint, dass er ein Gegengift benötigt, kann auf ein neues biographisches Werk des US-Geschichtsprofessors Greg Grandin von der New York University zurückgreifen: „Kissingers langer Schatten“

wirft einen sehr kritischen Blick auf das lange Leben und Wirken des Ausnahmepolitikers. „Im Laufe der letzten zehn Jahre wurden immer mehr regierungsamtliche Schriftstücke freigegeben, die Kissingers Beteiligung an der Vertuschung von Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika belegen“, heißt es. Kissinger, der Gestaltwandler, ist schwer zu fassen. M. Wittler

„Kissinger. Der Idealist. 1923 - 1948. Band 1“ von Niall Ferguson.Propyläen Verlag Berlin 2016, 49 Euro.

„Kissingers langer Schatten “ von Greg Grandin. C.H. Beck Verlag München 2016. 24,95 Euro.

LN

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