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Was soll Athen mit Krisenkunst?

Was soll Athen mit Krisenkunst?

Geldnot, Flüchtlingselend, Zukunftsangst: Zwei Monate vor der Kasseler Documenta eröffnet ausgerechnet in der griechischen Hauptstadt die erste Zwillingsschau. Die Macher wollen von Athen lernen – aber was?.

Doch, diese Sorte Kunst schmeckt Christos Mouzakis. Der ältere Herr drückt ein Stück Weißbrot tief in den Teller mit Bohnensuppe. Der britisch-pakistanische Künstler Rasheed Araeen hat zum gemeinsamen Mahl in einen bunten Pavillon vor das Athener Rathaus geladen; wer will, kann Platz nehmen. „Essen zum Nachdenken“ lautet der Titel der Aktion, es ist Rasheed Araeens Beitrag zur größten Kunstschau der Welt.

„Die Welt kann nicht exklusiv von einem Ort aus erklärt, kommentiert oder geschildert werden.

Adam Szymczyk,

künstlerischer Leiter der Documenta 14

Der Rentner Christos Mouzakis kam zufällig des Weges. Nun sitzt er zwischen Flüchtlingskindern, Obdachlosen und dem kunstbeflissenen Documenta-Publikum mit den großen Brillen und den hochgekrempelten Hosenbeinen und fragt: „Warum machen die Deutschen das, warum bringen sie jetzt Kunst zu uns? Haben sie ein schlechtes Gewissen wegen des Kriegs oder der Krise?“

Es ist eine naheliegende Frage, denn in der gut 60-jährigen Geschichte der Documenta war stets Kassel Hauptschauplatz des Spektakels, das weltweit die Trends der Gegenwartskunst setzt. Erstmals hat nun die Documenta in einer anderen Stadt eröffnet, im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – fast zwei Monate vor ihrem Beginn in Kassel.

„Von Athen lernen“, so hat der künstlerische Leiter der Documenta, der Pole Adam Szymczyk, ihre 14. Ausgabe betitelt, und als der Athener Rentner Christos Mouzakis das erfährt, klatscht sein Plastiklöffel in die Bohnensuppe. „Nichts kann man lernen von Athen“, sagt er. Mit am Tisch sitzt die Rentnerin Anna Zoi, und zwischen den beiden Athenern entspinnt sich ein trauriges Gespräch über den Alltag im verfallenden Zentrum ihrer Stadt. Sie sprechen über ihre arbeitslosen Kinder und über die nächste Rentenkürzung. 400 Euro erhält Anna Zoi. Immerhin zahlt sie keine Miete; die Wohnung, in der sie lebt, gehört ihr.

Nach dem Essen, auf dem Weg nach Hause, schaut sie bemüht vorbei an den kaputten Menschen, die sich auf den kaputten Straßen des Viertels Kerameikos Rauschgift spritzen. Auf dem Avdi-Platz, kurz vor Anna Zois Haustür, ertönt eine kämpferische Frauenstimme aus den Lautsprecherboxen. Die kroatische Künstlerin Sanja Ivekovic lässt in ihrer Documenta-Installation „Monument der Revolution“

emanzipatorische Texte verlesen. „Widerstand!“, fordert die Stimme. Anna Zoi hört nicht hin.

Diese Documenta ist eine ausgesprochen politische Documenta. Sie kündet von einem Ende der Bequemlichkeit und einer harten Wirklichkeit, die sich nicht um Grenzverläufe schert. Flucht und Vertreibung ist das zentrale Thema, verhandelt werden Fragen von Identität und Zugehörigkeit. Es geht um Krisen und um Kriege und deren Ursprünge, die die Macher im „Neokolonialismus“ und „Neoliberalismus“

verorten. Viele Griechen machen Wolfgang Schäuble und die deutsche Europapolitik für ihre Verarmung verantwortlich.

Da ist es nicht frei von Ironie, dass nun das 2008 fertiggestellte, aber wegen der Sparauflagen bisher nicht eröffnete Athener Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) erst mit der vom Bund gut bezuschussten Documenta seine Pforten für die Athener öffnen kann. Es zählt neben dem Konservatorium, dessen Untergeschoss ebenfalls nur dank der Documenta bespielt werden kann, zu den Hauptausstellungsorten der Schau. Manch griechischer Besucher dürfte großen Gefallen finden an der Performance der Argentinierin Marta Minujin, die im Foyer des EMST einer Doppelgängerin von Angela Merkel die griechischen Schulden in Oliven auszahlt.

Nicht Objekte oder Gemälde, sondern flüchtige Aktionen im öffentlichen Raum dominieren das Ausstellungsprogramm. Damit schlagen die Documenta-Macher dem Kunstmarkt und seiner Profitlogik des Kaufens, Besitzens und Weiterverkaufens ein Schnippchen. Schließlich gilt die Documenta vielen Sammlern und Investoren als Garant für den Wert von Künstlern und ihrer Werke. Wer hier ausstellt, ist eine sichere Bank.

Aber soll man jetzt in die Oliven von Marta Minujin investieren? Oder die blauen Laken kaufen, in denen die Amerikanerinnen Beth Stephens und Annie Sprinkle „in ökosexueller Absicht“ mit Besuchern kuscheln? Unveräußerlich sind die Ruinen des Zeus-Tempels auf der antiken Agora, an denen das Berliner Duo Prinz Gholam in homoerotischer Pose unter maximaler Teilnahmslosigkeit vorbeischlurfender Schüler erstarrt.

Will Kunst nicht beliebig sein, muss sie sich relevanten Themen widmen. Die Documenta 14 tut das, indem sie einen sehr ernsten Blick auf Weltprobleme richtet. Und doch stellt sich die Frage: Müssen Museen noch auf die widrige Wirklichkeit verweisen, auf das Elend geflüchteter, verarmter, gedemütigter Menschen, wenn diese doch draußen vor dem Eingang lungern, nahbar und echt? Die Bilder des Dokumentarfilms von Manthia Diawara über junge Malier, die sich auf den Weg nach Europa machen, verblassen beim Anblick der Afrikaner, die Athens Altstadt nach Metallschrott absuchen.

„Die Welt kann nicht exklusiv von einem Ort aus erklärt, kommentiert oder geschildert werden“, sagt Ausstellungsmacher Szymczyk. Im einst von den Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten, heute prosperierenden Kassel, wo die Documenta 14 in zwei Monaten startet, mögen die Probleme der Welt inzwischen weit weg sein. In Athen aber sind sie unübersehbar zu Hause. Vielleicht erscheint das heutige Kassel den Documenta-Leuten ja zu satt, zu komfortabel, um noch Kreativität entfesseln zu können.

Marina Kormbaki

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