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Wegweiser in den Pop-Olymp

Lübeck Wegweiser in den Pop-Olymp

Vor genau 50 Jahren setzten die kalifornischen Beach Boys mit „Pet Sounds“ einen musikalischen Meilenstein – Das Konzeptalbum inspirierte die Beatles – und erlebt gerade mitsamt Schöpfer Brian Wilson eine Live-Renaissance.

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In seinem Element: Dass sich Brian Wilson wie hier im Hamburger CCH auf Live-Bühnen wohlfühlt, galt lange als unvorstellbar.

Quelle: Public Address

Lübeck. „Wer soll sich denn den Mist anhören?“, ätzte der stets scharfzüngige Beach-Boys-Mitgründer Mike Love, als er Anfang 1966 nach der Rückkehr von einer Japan-Tournee erstmals die komplexen Arrangements hörte, die sein Cousin und Band-Mitgründer Brian Wilson in den Monaten zuvor im Studio mit seiner „Wrecking Crew“, einer Ansammlung exzellenter Studio-Musiker, daheim in Los Angeles ausgetüftelt hatte. Das sei wohl eher etwas für Hundeohren.

 

LN-Bild

Ob es nun nur eine gut ausgedachte Anekdote ist oder auf tatsächlichen Geschehnissen beruht: Wilson nannte sein neues Album „Pet Sounds“, Haustier-Klänge, und brachte auch seine damaligen Hunde Louie und Banana am Ende eines Tracks unter.

Sie alle waren Teil eines besonderen Moments in der Popmusikgeschichte, denn Pet Sounds gilt vielen Experten bis heute als eines der wegweisenden Alben am Beginn der goldenen Ära der Popmusik, als Drogen, Esoterik, New Age, Hippie-Lifestyle und neue technische Möglichkeiten Einzug in die bis dahin eher eindimensional daherkommende Rockmusik hielten – und auch durch bewusstseinserweiternde Drogen gespeister Größenwahn. „Das größte Rockalbum aller Zeiten“ wolle er erschaffen, hatte Brian Wilson erklärt, der sich seine Panikattacken mit zunehmenden Mengen an Marihuana und später auch härteren Drogen vom Leib zu halten versuchte. Und durch einen Rückzug vom nervenaufreibenden Tour-Leben.

Er wollte damit auch auf die kreative Herausforderung durch die Beatles reagieren, die Ende 1965 mit „Rubber Soul“ erstmals ein Album präsentierten, das Beatles-Produzent George Martin als „Gesamtkunstwerk“ aus anspruchsvolleren Texten, neuartiger Instrumentierung und ungewöhnlichen Arrangements bezeichnete.

So etwas wollte Brian Wilson auch mit seinen Beach Boys schaffen und übertreffen. Mit Waldhörnern, Theremin, Piccolos, klappernden Cola-Dosen, Fahrradklingeln, Hupen, Aufnahmen von vorbeifahrenden Zügen, Kirchenorgeln und elegischen Texten übers Erwachsenwerden und die Tragik der Liebe wagte er sich noch weiter auf popmusikalisches Neuland vor als Lennon/McCartney, die in London die Ohren anlegten: „Ich glaube, niemand weiß wirklich was über Musik, solange er dieses Album nicht gehört hat“, urteilte Paul McCartney über Pet Sounds– und machte sich mit John Lennon gleich an eine noch bahnbrechendere Antwort auf Wilsons Antwort: „Sgt. Pepper`’s Lonely Hearts Club Band“.

Kommerziell schien Mike Love recht zu behalten: „Pet Sounds“ verkaufte sich eher mäßig, vielleicht waren es auch die mangelnde PR-Unterstützung durch Capitol Records und das gleichzeitig auf den Markt geworfene Best-of-Album, das „Pet Sounds“ bremste.

Für Wilson begann der lange Marsch in die innere Emigration. „Smile“, seine noch größer angelegte Antwort auf die Antwort auf die Antwort, blieb lange ein fragmentarisches Fast-Meisterwerk. Der „Mozart des Pop“, als den ihn Leonard Bernstein bezeichnete, verließ kaum noch sein Haus, geriet in die Hände eines fragwürdigen Psycho-Gurus, dem er erst in den 90ern entkam, als er zu einem höchst unerwarteten Comebacks ansetzte.

In diesen Tagen, da die Veröffentlichung von „Pet Sounds“ genau 50 Jahre zurückliegt, führt der fragil wirkende Altmeister sein einst live unspielbares Meisterstück auf einer Tournee über vier Kontinente auf; aktuell tourt er mit seiner zehnköpfigen Band durch Britannien, den bisher rund 80 Terminen folgen möglicherweise 2017 weitere.

Tourveranstalter Bruce Solar von der Agency for the Performing Arts (APA) verzeichnet jedenfalls eine starke Nachfrage, die er auch auf das Biopic „Love and Mercy“ von 2015 zurückführt, in dem Paul Dano als junger Pet-Sounds-Brian und John Cusack als gealterter Comeback-Brian die Geschichte des seltsamen Pop-Eremiten und die Bedeutung von „Pet Sounds“ lebendig machten. Aufwendige Jubiläums- Editionen erscheinen im Juni.

So nimmt die Geschichte ein wundersames Ende, an dem der einst von Live-Panik gepeinigte Schöpfer eines live für unaufführbar gehaltenen Werkes so viel tourt wie noch nie mit eben diesem Werk.

Vielleicht ist das die Magie der Musik.

Erfolgreich im Studio, legendär auf dem Klageweg

Die Beach Boys starteten 1961 im Elternhaus der Brüder Brian, Dennis und Carl Wilson, damals alle noch keine 20, wo sie mit ihrem Cousin Michael Love und Schulfreund Al Jardine auf geliehenen Instrumenten einen eigenen Song produzierten, der das Hobby von Dennis Wilson zum Thema hatte: „Surfin“. Ein lokaler Produzent brachte die Single auf den Markt, sie kam bei der Surf-begeisterten kalifornischen Jugend bestens an und führte zu mehreren Top-platzierten LPs, auf denen sich der musikalische Kopf Brian Wilson aber zunehmend vom Surf-Sound entfernte. „Pet Sounds“

war 1966 eher ein Brian-Wilson-Solo-Album als eine Beach-Boys-Platte. Wilson nutzte das „Studio als Instrument“, übernahm sich aber mental; dennoch machte die Restband weiter, obwohl deren Mitglieder bald legendär für die Prozesse um Namens- und Songrechte waren. Brian Wilson tourt seit Jahren mit einer eigenen Band; Mike Love ebenfalls, wobei er die Rechte am Bandnamen grimmig verteidigt. Dennis und Carl Wilson starben 1983 bzw. 1998.

Michael Wittler

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