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Kultur im Norden Wehe, wenn sie losgelassen
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21:21 22.06.2013
Von Hermann Hofer
Anja Werner als Lady Macbeth in „Shakespeare Nights“. Quelle: Foto: Winkler (hfr)
Schwerin

Kurz vorher hat es noch heftig geregnet, aber jetzt ist der Himmel blau, und das Abendlicht fällt auf das alte Gemäuer im Innenhof des Schweriner Doms. Ein verzauberter Ort, still und verträumt. Doch gleich wird es laut. Die Vaganten sind da, eine Schar von Schauspielern, bunt kostümiert, grell geschminkt. Und sie spielen mit einer so hinreißenden Lust, als ginge es um ihr Leben. Sie agieren auf hölzernen Paletten, die sie zusammenlegen zu Podesten und Laufstegen, und für hundert magische Minuten bedeuten die Bretter mal wirklich die Welt. Einer, der etwas verstand von der Welt, gibt in diesem Sommernachtstraum der besonderen Art denn auch den Ton an: Shakespeare.

„Shakespeare Nights“ heißt die aus vielen Stücken des Dichters gemixte Open-air-Produktion, mit der das Schauspiel des Schweriner Staatstheaters das — bei der Premiere entzückte — Publikum beglückt.

Ein Schauspielerabend, konzipiert und inszeniert von einem Schauspieler, Dirk Audehm, für Schauspieler. Und weil Mimen, wenn sie erst mal losgelassen sind, wohl doch eher zum anarchischen Komödiantentum neigen als zur gewissenhaften Philologie, springen sie mit den Texten des Meisters um, wie es ihnen gerade einfällt.

Es ist sehr erheiternd, wenn die umwerfend närrischen Narren (Özgür Platte, Frank Buchwald) plötzlich „Antonius und Kleopatra“ spielen oder ein fahler Greis (Bernhard Meindl) in der Rolle der Julia mit dem Geliebten Romeo spricht. Auf wundersame Weise verschmilzt alles zum großen Shakespeare-Universum, das von John R. Carlson und Hannes Richter musikalisch finessenreich beschallt wird.

Die sich verausgabenden Schauspieler glänzen und sind vom verzweifelt um Ordnung bemühten Theaterdirektor (Rüdiger Daas) nicht zu bremsen. Außer Rand und Band die drei Hexen (Isa Weiß, Jana Kühn, Samira Hempel), die nicht nur böse fauchen, sondern auch sagenhaft singen können. Köstlich Anja Werner in ihrer Hauptrolle der stark alkoholisierten Lady Macbeth, jugendlich strahlend Brit Claudia Dehler als Heinrich V., ausgekocht komödiantisch Andreas Lembcke als Rosenkranz und Güldenstern in Personalunion, ausdrucksvoll in der Bewegung Antje Binder als rätselhaft schwarzer Vogel.

Schließlich liegen alle erschlagen am Boden, und der tolle Amadeus Köhli, der vorher nie über zwei Worte hinauskam, kann endlich seinen großen Hamlet-Monolog sprechen: „Sein oder Nichtsein.“ Das klingt hier sehr lustig — und traurig.

Weitere Vorstellungen: heute und vom 27. bis 30. Juni sowie vom 4. bis 7. Juli, 20.30 Uhr. Karten: 0385 /53 00 123.

Hermann Hofer

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