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Welterklärung mit Bildern und Buchstaben

Lübeck Welterklärung mit Bildern und Buchstaben

In der Ausstellungsreihe zum Thema Doppelbegabungen im Günter Grass-Haus werden „Sehquenzen“ des gebürtigen Lübeckers Klaus Peter Dencker gezeigt.

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Unter den 70 Exponaten finden sich auch dreidimensionale Arbeiten wie diese Hand mit Würfel.

Lübeck. Bei Klaus Peter Dencker von Doppelbegabung zu sprechen, ist stark untertrieben. Denn der gebürtige Travemünder ist nicht nur ein herausragender Vertreter der visuellen Poesie, die Buchstaben, Wörter oder Texte mit Bildern verknüpft. Er ist darüber hinaus auch Filmemacher und Jazzmusiker — eine Multibegabung also. Und er ist der erste Lübecker Künstler, dem das Günter Grass-Haus eine Ausstellung widmet. Anlass ist der 75. Geburtstag Denckers im März dieses Jahres.

„Es ist eine sehr intellektuelle Ausstellung“, sagt Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa. Und es ist eine, die Besucherinnen und Besuchern etwas abverlangt: sich auf die Arbeiten Denckers einzulassen und eigene Deutungen zu finden. Von Vorteil ist es deshalb, Zeit mitzubringen. Außerdem ist gutes Sehvermögen nützlich, notfalls der Einsatz einer gute Brille, denn vieles ist sehr klein geschrieben.

Denckers Mittel ist die Collage. Mit speziellen Scheren und Messern schneidet er Bilder aus, fügt Buchstaben, Gedanken oder Erlebnisse hinzu. Er tut dies mit großer Präzision, stets darauf bedacht, keine Schnittspuren sichtbar werden zu lassen.

Auch sein inhaltlicher Anspruch ist hoch. Klaus Peter Dencker hat Literaturwissenschaft, Japanologie und Philosophie studiert. Bereits Ende der Sechzigerjahre veröffentlichte er erste literarische Arbeiten. „Schon früh begann er jedoch zu bezweifeln, dass sich allein mit Sprache die Welt erklären lässt“, sagt Tatjana Dübbel, Kuratorin der Ausstellung. Folge war die visuelle Gestaltung seiner Texte.

Häufig arbeitet Dencker in Sequenzen. Eine ist dem Philosophen Ludwig Wittgenstein gewidmet, eine weitere dem Schriftsteller Eugen Gomringer, der Pionier der konkreten Poesie und ein Weggefährte von Günter Grass war. Die umfangreichste Sequenz beschäftigt sich mit einer Rom-Reise und kann auf einer Medienstation betrachtet werden. Sie entstand während der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm über die Vatikanischen Museen.

Denckers Berufsleben umfasst Tätigkeiten als freier Autor sowie Filmemacher und Redakteur für das öffentlich-rechtliche Fernsehen und als Honorarprofessor. Von 1985 bis 2002 war er Leitender Regierungsdirektor der Hamburger Kulturbehörde, Erlebnisse aus dieser Zeit hat er ebenfalls künstlerisch verarbeitet.

Die Blätter können einzeln betrachtet werden oder auch als Fortsetzung. Mal arbeitet er mit Buchstaben, die zu verschiedenen Wörtern zusammengesetzt werden können, mal mit langen Erklärtexten. Es gibt also viel zu lesen und viel zu schauen in den detailreichen Collagen mit ihren Irritationen, Verdrehungen und Anspielungen. Die Geschichten, die Dencker erzähle, seien nicht einfach zu dechiffrieren, sagt die Kuratorin. Anders gesagt: Der Künstler liefert das Material, aus dem Besucher ihre eigenen Geschichten schaffen.

So liest sich „Die poetische Theorie visueller Poesie“ wie eine Ermunterung, sich frei zu fühlen: „Die Poetische Theorie visueller Poesie gibt es nicht, und wenn es sie gibt, dann höchstems auf diesem Blatt: — vielleicht ganz unten links als Weinrebenblatt oder in Sätzen und Setzungen, die Du nur finden kannst, wenn Dein Lesen um den Mittelpunkt des Blattes unentwegt kreist. (. . .)“

Schau zum 75. Geburtstag
Eröffnung der Ausstellung „Sehquenzen“: heute, 19 Uhr. Professor Klaus Schenk von der Universität Dortmund spricht das Grußwort. Kuratorin Tatjana Dübbel führt in die Ausstellung ein. Das Lutopia Orchestra spielt auf.
Die Finissage wird am Dienstag, 22. März, um 19 Uhr beginnen. An diesem Tag wird der Künstler 75 Jahre alt. Björn Engholm, Ministerpräsident a. D., hält eine Laudatio.
Günter Grass-Haus, Glockengießerstraße 21, Lübeck. Der Eintritt in die Ausstellung kostet 7 (3,50) Euro.

Liliane Jolitz

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