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Weltkulturerbe oder „Disneyland“?

Damaskus/Moskau Weltkulturerbe oder „Disneyland“?

Die Terrormiliz IS hat große Teile der einzigartigen antiken Oasenstadt Palmyra dem Erdboden gleichgemacht. Nun ist der IS vertrieben. Wie kann die Zukunft des Welterbes aussehen?.

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Damaskus/Moskau. Quirlig ging es in Palmyra vor fast 2000 Jahren zu. Händler, Soldaten, Reisende kamen aus allen Teilen des Römischen Reiches in die prachtvolle Oasenstadt. Kamel-Karawanen lagerten vor den Toren, sie brachten Weihrauch, Gewürze, Perlen und Seide aus Persien und Indien. Die Frauen in Palmyra verschleierten ihr Gesicht nicht.

Palmyra lebte eine multikulturelle Vielfalt. Jeder Stamm behielt sein traditionelles Heiligtum, der Baal-Tempel wurde 32 nach Christus geweiht. Die Bewohner Palmyras „waren stolz darauf, echte Römer geworden zu sein und blieben doch sie selbst“, schreibt der französische Historiker Paul Veyne (85) in seinem Buch „Palmyra — Requiem für eine Stadt“.

Im Mai 2015 nahm die Terrormiliz IS Palmyra ein, sprengte den fast 2000 Jahre alten Baal-Tempel und auch den Baal-Schamin-Tempel, zerstörte die einzigartigen Grabtürme, den weltberühmten Triumphbogen und Säulenkolonnaden. Die Barbarei machte vor der Bevölkerung nicht halt. Der IS ließ viele Menschen im antiken Amphitheater hinrichten, enthauptete den Chefarchäologen Khaled Assad.

Zehn Monate später haben Regimetruppen die islamistischen Fanatiker aus dem Unesco-Weltkulturerbe vertrieben. Zurück ließ der IS die Ruinen der Ruinen. Jetzt wird diskutiert, wie Palmyras Erbe gerettet werden kann.

Russland — enger Partner des Assad-Regimes in Damaskus — hat angeboten, eine führende Rolle bei der Wiederherstellung der syrischen Weltkulturerbestätte zu übernehmen. Moskau wolle schon in Kürze Minensuchexperten und Spür-Roboter in das Gebiet entsenden, sagte Generalstabschef Waleri Gerassimow. „Wir übernehmen auf jeden Fall die Restaurierung Palmyras“, sagte der prominente russische Kulturpolitiker Michail Schwydkoi. Das weltbekannte Kunstmuseum Eremitage in St. Petersburg bot seine Hilfe bei der Restaurierung der Kunstschätze an. Freiwillige arbeiteten schon an einem Modell der Stätte. „Bevor die Restauration beginnt, muss man alles studieren. Das werden ernste internationale Anstrengungen sein“, sagte Direktor Michail Piotrowski. Die Eremitage wolle auch bei der Wiederbeschaffung geraubter Kunstschätze helfen. Eine Reproduktion der Ruinen der antiken Prachtbauten fordert der deutsche Kunsthistoriker Horst Bredekamp. Er ist Mitglied der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums in Berlin. Ein Wiederaufbau Palmyras wäre für Bredekamp keine „rückschauende Heilung“, sondern eine „vorausblickende Markierung von Geschichte“. „Gegenüber den Zerstörungen der Terroristen sollte die Kunst der Reproduktion triumphieren.“

Nach Einschätzung der staatlichen syrischen Antiquitätenverwaltung würde ein Wiederaufbau der von der IS zerstörten antiken Tempel in Palmyra etwa fünf Jahre dauern. Wie die syrische staatliche Nachrichtenagentur Sana unter Berufung auf den Direktor der Antiquitäten- und Museumsverwaltung, Nasir Awad, meldete, untersucht ein Expertenteam in der Welterbestätte nun das genaue Ausmaß der Zerstörung.

Unterdessen warnte der syrische Altertumsforscher Mamoun Fansa vor einem undurchdachten Wiederaufbau. Der in Berlin lebende Prähistoriker Fansa sagte, man müsse verhindern, dass nun ein „Disneyland“

errichtet werde. Mit dem Kulturerbe müsse jetzt viel bewusster umgegangen als vor dem Krieg.

Unesco-Weltkulturerbe in der Wüste

Die Oasenstadt Palmyra in der zentralsyrischen Wüste war eines der herausragenden Zentren im Altertum. Die Unesco erklärte die Ruinen der ehemaligen Handelsmetropole der legendären Königin Zenobia im Jahr 1980 zum Weltkulturerbe.

Durch ihre Lage an einer der wichtigsten Handelsrouten zwischen dem Römischen Reich, Persien, Indien und China gewann Palmyra in den ersten Jahrhunderten nach Christus stetig an Bedeutung. Nach der Blütezeit wurde die Stadt 272 von den Römern zerstört.

Nachdem die Terrormiliz IS die Stadt im Mai 2015 von der syrischen Armee erobert hatte, sprengten die Dschihadisten viele Monumente des vor dem syrischen Bürgerkrieg beliebten Touristenziels, das als einer der bedeutendsten Komplexe antiker Bauten im Nahen Osten gilt. Zu den zerstörten Bauten gehören unter anderem der rund 2000 Jahre alte Baal-Tempel, der Baal-Schamin-Tempel sowie mehrere einzigartige Turmgräber, der Triumphbogen und ein Teil der berühmten Säulenstraße. Damit sind sämtliche Hauptbauwerke betroffen.

LN

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