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Wenn Fakten und Fiktion verschwimmen

Bonn Wenn Fakten und Fiktion verschwimmen

Stammt unser Geschichtsbild aus Kino und Fernsehen? Das Bonner Haus der Geschichte zeigt die Wirkung von Spielfilmen.

Bonn. Deutsche Schauspieler beklagen sich gelegentlich, dass ihnen Hollywood nur eine Art von Rolle anbiete, eine in Wehrmachtsuniform. Auch in der Ausstellung „Inszeniert – Deutsche Geschichte im Spielfilm“ des Bonner Hauses der Geschichte ist so eine viel genutzte historische Filmklamotte zu sehen. Allerdings hat sie sich einst ein Hollywood-Star übergestreift – Tom Cruise für „Operation Walküre“, dem Film, in dem er den Hitler- Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg spielte. Ein Action- Held mit Verbindung zu Scientology – kann so jemand den deutschen Oberst akkurat darstellen?

Die Kontroverse um „Operation Walküre“ ist nur eines von mehreren Beispielen, die bei der Ausstellung in Bonn das Verhältnis von Film, deutscher Geschichte und den dazugehörigen Debatten beleuchten.

Sie entstehen, wenn komplexe Historie auf Spielfilmlänge komprimiert wird.

Wer wissen will, wie die Deutschen auf ihre eigene Geschichte blicken, muss das Fernseh- und Kinoprogramm kennen. Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, ist überzeugt: „Man kann festhalten, dass der Spielfilm mit historischem Inhalt unser Geschichtsbild signifikant prägt – allein durch die Masse.“ Sein Haus zeigt nun einprägsame Beispiele für dieses Phänomen.

Es geht um mehrere Themenkomplexe: Judenvernichtung, Widerstand im Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Flucht und Vertreibung, Terrorismus und deutsche Vereinigung. Zu sehen sind Filmausschnitte, Kostüme, Briefwechsel, Zeitungsschlagzeilen. Dabei wird deutlich, welche Wirkung Fiktion entfalten kann. Ein Beispiel: die in den USA produzierte Fernsehserie „Holocaust“ von 1978. Zunächst als Seifenoper verpönt, sorgte sie dafür, dass die deutschen Gräueltaten Thema in den Wohnzimmern der Bundesrepublik wurden. In der Ausstellung sind Protokolle von Anrufen beim WDR zu sehen. „Warum haben sich unsere Eltern so lange geweigert, über diese Zeiten zu sprechen?“, ist da zu lesen. „Man hätte das Gefühl bekommen können, dass vorher nie etwas zu diesem Thema bekannt gewesen wäre“, sagt der Projektleiter der Ausstellung, Christian Peters.

Mit der deutschen Einheit 1990 setzt eine breite öffentliche Diskussion über die Erinnerung an die DDR ein. Aufgearbeitet wird die Geschichte insbesondere mit Komödien – ein herausragendes Beispiel ist „Good Bye, Lenin!“ von (2003), in dem der Arbeiter- und Bauernstaat noch einige Zeit über sein Verfallsdatum hinaus am Leben erhalten wird.

Requisiten zeigen, wie Filmemacher versuchen, Geschichte nachzubauen. So ist die für den „Baader Meinhof Komplex“ (2008) entworfene Gefängniszelle von Gudrun Ensslin zu sehen – exakt mit jenen Büchern ausstaffiert, die die inhaftierte RAF-Terroristin damals las. Viel Marx, Engels und Lenin. Und ein „Ratgeber Recht“ .

„Inszeniert – Deutsche Geschichte im Spielfilm“, bis 15. Januar, Haus der Geschichte, Brandt-Allee 14, Bonn

Jonas-Erik Schmidt

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