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Wenn Kommunisten träumen

Wenn Kommunisten träumen

Potsdam. Präsentiert werden Arbeiten von 87 Künstlern, darunter Gemälde, Fotografien, Grafiken und Skulpturen. Schwerpunkte sind Selbstporträts und Atelierbilder. Erstmals seit mehr als 20 Jahren sind auch 16 großformatige Werke aus dem Berliner Palast der Republik zu sehen.

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Frohsinn sieht anders aus: „Guten Tag“ von Wolfgang Mattheuer.

Quelle: Fotos: Klaus Morgenstern/vg Bild–kunst Bonn

Ideologische Schlagworte passen nicht zu Michael Philipp. Er versteht sich als Wissenschaftler, und er spricht von „einem interessanten Konvolut“, von „interessanten Zwischentönen“ und von einer „Dokumentation“. „Wir wollen nicht sogenannte Staatskunst legitimieren. Die Bilder sind nicht kontaminiert, bloß weil sie im Palast der Republik hingen. Einige Bilder sind jedoch auch nur interessant, weil sie da hingen“, erklärt der 55-Jährige. Die Rede ist von 16 großformatigen Auftragswerken, die den repräsentativen Bau der DDR in Berlin von 1976 bis zu seinem Abriss 1990 zierten und von vielen Besuchern als Propagandaschinken abgetan wurden.

LN-Bild

Potsdam. Präsentiert werden Arbeiten von 87 Künstlern, darunter Gemälde, Fotografien, Grafiken und Skulpturen. Schwerpunkte sind Selbstporträts und Atelierbilder. Erstmals seit mehr als 20 Jahren sind auch 16 großformatige Werke aus dem Berliner Palast der Republik zu sehen.

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Die bemalten Spanplatten lagerten 20 Jahre lang im Depot des Deutschen Historischen Museums in Berlin, nur Restauratoren bekamen sie zu Gesicht. Nun darf der ideologisch aufgeladene Zyklus unter dem Thema „Dürfen Kommunisten träumen?“ bis Mai 2018 noch einmal seine volle Wirkung entfalten. Dass sie gezeigt werden, geht auch auf Michael Philipp zurück, der als Kurator gemeinsam mit Valerie Hortolani in den beiden Stockwerken darunter die Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ verantwortet.

Der Hamburger, der seit 2016 in Potsdam arbeitet, hat intensiv über die Palastgalerie geforscht. So berichtet er, in welcher Hast der Palast der Republik in nur 32 Monaten Bauzeit 1976 hochgezogen wurde. „Die Kunst in diesem Bau war nur Zugabe und Dekoration. Von der Malerei wurde keine überwältigende Raumwirkung erwartet. Die 2,80 Meter hohen und maximal sechs Meter breiten Gemälde konkurrierten mit den dominanten Lampen, einem knallorange gemusterten Teppich, roten Sofas, Blumenkübeln und Marmorwänden. Das sah aus wie in einem Flughafen!“, sagt Philipp.

Die Entwürfe wurden im Januar 1975 vorgestellt und diskutiert. Es folgte eine ideologische Anleitung, über deren Dilettantismus Philipp schmunzelt. Eigentlich setzten die Oberen nur eine Bedingung durch: ein Maler sollte die Deutsch-Sowjetische Freundschaft darstellen, was Erhard Großmann mit dem Bild „Tadshikistan“ auch tat.

„Bis auf Walter Womacka haben alle so gemalt wie immer“, stellt Philipp fest. Nach der Wende hätten Roland Paris, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer ihre Auftragswerke ausdrücklich als vollwertigen Teil ihres Werkes bezeichnet. „Mattheuer nannte sein Bild ,Guten Tag', aber seine Kleinfamilie auf dem Bild ist alles andere als glücklich“, betont Philipp. Noch ein anderes Bild hebt er heraus: „Menschen am Strand“ von Hans Vent. „Das ist das künstlerischste Bild, weil es die Grenzen des Realismus ausreizt.“

Die Gesamtschau mit mehr als 100 Kunstwerken ist in neun Werkgruppen geordnet. Die Bilder, Fotos, Grafiken und Plastiken stammen aus den vier Jahrzehnten der DDR und dokumentieren auch die unterschiedlichen Strömungen der sozialistischen Kulturpolitik. Das Kapitel „Störbilder“ verweist auf die wachsende Kritik der Künstler an den herrschenden Verhältnissen. Diese brach sich in den 1980er Jahren in immer neuen Ausdrucksformen etwa von Cornelia Schleime oder den „Autoperforationsartisten“ Bahn. Ob die DDR-Kunst als eine abgeschlossene Epoche der Kunst zu betrachten ist, bleibt allerdings auch in dieser Ausstellung, die auf politische und gesellschaftliche Einordnung weitgehend verzichtet, offen.

Hinter der Maske ist bis 4. Februar 2018 mi-mo von 10 bis 19 Uhr und jeden ersten Donnerstag im Monat bis 21 Uhr zu sehen

Von Karim Saab und Sigrid Hoff

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