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Wenn alte Namen neue Zweifel wecken

Lübeck Wenn alte Namen neue Zweifel wecken

Die Umbenennung von Straßen ist ein heißes Eisen — auch bei politisch belasteten Namen.

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Wegbereiter der Nazis: Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (l.) wurde 1932 zum Reichspräsidenten gewählt, um Adolf Hitler zu verhindern. Am 30. Januar 1933 aber ernannte der 85 Jahre alte Monarchist den NSDAP-Führer (r.) zum Reichskanzler. Zwölf Jahr

Quelle: Fotos: dpa, Bundesarchiv

Lübeck. Der ehemalige Feldmarschall Paul von Hindenburg (1847- 1934) war im Greisenalter so populär, dass noch zu seinen Lebzeiten landauf, landab Straßen und Plätze nach ihm benannt wurden: 1917 in Mölln, 1927 in Lübeck, 1930 in Bad Oldesloe und 1933 in Ratzeburg. Gegen Ende seines Lebens ebnete Hindenburg als Reichspräsident Hitler den Weg zur Macht. Daran erinnerte Ende vergangenen Jahres der grüne Ex-Kommunalpolitiker Karl-Heinz Haase, Anwohner des Lübecker Hindenburgplatzes — und löste eine heiße Diskussion aus. Wer belastete Straßennamen in Frage stellt, betritt — selbst bei eindeutigeren Fällen — vermintes Terrain.

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Völkischer Mitläufer: Rudolf Kinau (1887-1975) war niederdeutscher Schriftsteller und Begründer der NDR-Sendereihe „Hör mal ‘n beten to“. Er diente sich den Nazis an.

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Gustav Frenssen (1863-1945) war Anfang des 20. Jahrhunderts ein viel gelesener Heimatdichter. Nach 1933 stellte er sich voll in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie. Über das Jahr 1918 schrieb er: „Da griff das kleine fremde jüdische Volk, verlockt von der wunderbaren Gelegenheit, in wilder, in unsagbarer Taktlosigkeit, in toll gewordener Gier nach der Herrschaft über das deutsche Volk.“ Frenssens aggressiver Antisemitismus hinderte viele Gemeinden in Schleswig-Holstein nicht, nach dem Krieg noch Straßen nach ihm zu benennen — zum Beispiel Bad Segeberg. Die bisherigen Versuche, den dortigen Gustav-Frenssen-Weg umzubenennen, sind im Sande verlaufen — zum Missfallen von Walter Blender, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde. „Die nächste Generation wird uns fragen: Warum habt ihr nichts dagegen gesagt? Und das wollen wir als jüdische Gemeinde nicht auf uns sitzen lassen.“ Ingrid Altner (CDU), Bürgervorsteherin der Stadt, möchte das Thema lieber erst nach der Kommunalwahl angehen. „Ich könnte mir eine Umbenennung vorstellen, will aber einen behutsamen Weg gehen und die Leute mitnehmen“, sagt sie. Die erfahrene Kommunalpolitikerin weiß: „Straßenbenennung ist immer mit einem gewissen Ungemach verbunden.“

Ein wahres Wort. In Bad Oldesloe wurde die Gustav-Frenssen-Straße 1999 in Ernst-Barlach-Straße umbenannt — um den Preis einer erbitterten Auseinandersetzung, in der die Frenssen-Verteidiger der Gegenseite vorwarfen, „mit anmaßendem und vergiftetem Moralin über Schicksale aus der Nazizeit zu urteilen und zu richten“, und über „parteiideologisch begründete, irrsinnige Verschleuderung“ von Steuergeld schimpften. In Heiligenhafen (Ostholstein) scheiterte 2011 ein Versuch der Grünen, den Gustav-Frenssen-Weg umzubenennen. Der grüne Stadtvertreter Rainer Rübenhofer will das Thema nach der Kommunalwahl wieder aufgreifen. „Wenn man Frenssens Literatur liest“, sagt er, „ist einem klar: Das war ein bekennender Nazi.“

Darauf könnte Joachim Schmidt-Uwis von Bürger für Heiligenhafen, einer Wählergemeinschaft, gut verzichten. „Irgendwann hat man sich entschlossen, diesen Namen zu vergeben“, sagt er. „Es hat sich nie jemand daran gestört.“ Die Diskussion schade mehr als der Straßenname selbst. „Dann bringt man Heiligenhafen mit diesem Namen in Verbindung, und die Stadt steht in einem schlechten Licht.“

Auch Lübeck hat seine Geschichte der Umbenennungen. 1946 gab man der Johannisstraße mitten in der Altstadt nach 700 Jahren einen neuen Namen — zu Ehren des 1945 von den Nazis ermordeten Lübecker SPD-Politikers Julius Leber. 2010 aber liefen Lübecker Bürger Sturm gegen die Umbenennung des Günther- Quandt-Platzes zu Ehren eines Nazi- Opfers. Es ging um einen kleinen Platz in Lübeck-Schlutup, benannt nach einem Industriellen, dessen Unternehmen in der Nähe Zwangsarbeiter beschäftigt und sich Nationalsozialismus und Krieg aktiv und skrupellos zunutze gemacht hatte. Der neue Namensgeber des Platzes war Wilhelm Krohn, ein Schlutuper Arbeiter, den die Nazis 1940 im KZ Sachsenhausen ermordeten; wahrscheinlich, weil er Zwangsarbeitern geholfen hatte. Die Anwohner und andere Schlutuper wehrten sich, als verteidigten sie eine Jahrhunderte alte, würdige Tradition.

Noch immer schlummern in vielen Wohngebieten fragwürdige Namen. Der Stadtvertreter Joachim Schmidt- Uwis, der Gustav Frenssen in Frieden ruhen lassen möchte, wohnt ganz in der Nähe des Gustav-Frenssen- Wegs in der Rudolf-Kinau-Straße. An diesem Namen, meint Schmidt- Uwis, sei zum Glück nichts auszusetzen. Wenn er sich da nur nicht irrt. Rudolf Kinau (1887-1975), Bruder des 1916 gestorbenen Autors Gorch Fock („Seefahrt ist not!“), sei „nicht ein Großtäter, aber ein aktiver Mitläufer“ der Nazis gewesen, sagt Reinhard Goltz, Leiter des Instituts für Niederdeutsche Sprache in Bremen. „Er hat keine Möglichkeit ausgelassen, sich den Herrschenden anzudienen.“ Goltz erinnert an Kinaus völkische Radiovorträge und daran, dass Kinau mit anderen dazu aufrief, den SA-Treueschwur ins Plattdeutsche zu übersetzen.

Nach Kinau sind Straßen benannt nicht nur in Heiligenhafen, sondern auch in Pinneberg, Marne, Henstedt-Ulzburg, Ahrensburg, Wedel, Uetersen, Eckernförde, Geesthacht und Trappenkamp.

Hanno Kabel

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