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Wenn das Geld rostet

Lübeck Wenn das Geld rostet

Ein zu Unrecht übersehener Prophet: Silvio Gesell, Kampfgenosse Erich Mühsams, erfand den jetzt wieder aktuellen Negativzins.

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Damit die Leute ihr Geld rasch ausgeben und die Wirtschaft ankurbeln, muss das Ersparte nach Gesells Ideen „rosten“.

Quelle: Fotolia

Lübeck. „Schrumpfgeld“ wollte der Kaufmann und Sozialreformer Silvio Gesell Ende des Neunzehnten Jahrhunderts einführen, um Stockungen des Wirtschaftskreislaufs aufzulösen und so den Konsum und die Produktion anzukurbeln. Lange Zeit wurde der Finanztheoretiker aus dem Umkreis der deutschen Anarchisten Gustav Landauer und Erich Mühsam bekämpft, bestenfalls belächelt.

Doch nun wird er von der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds zur theoretischen Begründung des Negativzinses herangezogen.

Im März 2014 hielt das französische EZB-Direktoriumsmitglied Benoit Coeure die Rede „Leben unter Null — Über negative Zinsen lernen“. Darin erklärt er, dass die möglicherweise notwendige Politik der Negativzinsen auf Silvio Gesell zurückgehe. Dieser werde nicht nur ernsthaft von amerikanischen Topökonomen diskutiert, sondern schon John Maynard Keynes habe ihn einen „seltsamen, zu Unrecht übersehen Propheten“ genannt. Unterdessen spuken die Konzepte Gesells durch die theoretischen Papiere der EZB und des Internationalen Währungsfonds. Und es ist nicht auszuschließen, dass der finanzpolitische Autodidakt aus der Berliner Lebensreformbewegung die Anregung für eines der größten wirtschaftspolitischen Experimente des 21. Jahrhunderts gibt.

Wer war Silvio Gesell?

1862 wird er als siebtes von neun Kindern eines kleinen Beamten im Eifelstädtchen St. Vith geboren. Er wächst in Armut auf, flieht mit 16 Jahren nach Berlin und absolviert eine kaufmännische Ausbildung. Mit 20 geht er nach Spanien, um dort in einer Weinhandlung zu arbeiten. Mit 25 wandert er ins wirtschaftlich prosperierende Argentinien aus. Er macht sich selbständig, beliefert mit importierten Medizinartikeln Ärzte und Kliniken. 1890 bricht in Argentinien eine schwere Wirtschaftskrise mit sozialen Unruhen aus. Gesell beginnt sich Gedanken über ökonomische Zusammenhänge zu machen und schreibt erste Artikel gegen die Goldwährung. 1899 verkauft er sein Geschäft und zieht in die Schweiz. Auf einem einsamen Bauernhof studiert er die Werke von Adam Smith, Karl Marx und Pierre Proudhon. Drei Jahre lang gibt er eine Zeitschrift heraus, die nur drei Abonnenten gewinnt. Das alles entmutigt ihn nicht. Er ist ein besessener Privatgelehrter, der sagt, das Schicksal habe ihm die „Bürde der Wahrheit“ auferlegt. Gesell lebt von Geschäften mit Südamerika. 1911 kehrt er nach Deutschland zurück und zieht in die Oranienburger Vegetarier-Kommune „Eden“. Sein Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ erscheint 1916. Mit ihm erwirbt er sich einen Ruf unter Intellektuellen.

Geld soll in Gesells „Freiwirtschaft“ nur als Tauschmittel dienen. Wenn es gehortet wird, lahme es den Wirtschaftskreislauf. Alles in der Natur unterliege dem Wechsel von Werden und Vergehen, nur das Geld scheine der Vergänglichkeit alles Irdischen entzogen. Damit die Menschen es ausgeben und nicht horten, müsse das Geld „rosten“ oder „verderben“, also an Wert verlieren. Der Staat solle eine neue Form von Geld ausgeben, das „Freigeld“ oder „Schwundgeld“. Die Scheine müssten regelmäßig mit kostenpflichtigen Wertmarken beklebt werden, damit sie ihre Gültigkeit behalten. Geld aufzubewahren, kostet also seinen Preis. Der Negativzins ist erfunden.

Volksbeauftragter für Finanzen

Das Revolutionsjahr nach dem Ersten Weltkrieg ist zunächst die Stunde der Feuilletonisten: Kurt Eisner, Kulturredakteur der „Münchner Post“, wird im November 1918 erster von den Arbeiter- und Soldatenräten gewählter bayrischer Ministerpräsident. Die anarchistischen Schriftsteller Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller prägen die Führung der Münchner Räterepublik. Silvio Gesell ernennen die Räte zum Volksbeauftragten für Finanzen. Doch schon im April 1919 übernehmen kommunistische Funktionäre die Macht. In den Revolutionswirren werden Eisner und Landauer ermordet, Mühsam und Toller zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Auch Silvio Gesell sitzt erst im Gefängnis Stadelheim ein, wird aber im Juli 1919 von der Anklage des Hochverrats freigesprochen.

Während der Weimarer Republik publiziert und kämpft er unermüdlich für sein Wirtschaftsmodell. In den Tagebüchern Erich Mühsams kommt Gesell immer wieder als Opfer antisemitischer Angriffe und Verunglimpfungen vor. 1930 stirbt er an einer Lungenentzündung in seinem Rückzugsort, der Kommune „Eden“. Erich Mühsam schreibt in seiner Zeitschrift „Fanal“ unter der Überschrift „Ein Wegbahner“ den Nachruf und sagt dessen geldpolitischen Konzepten eine große Zukunft voraus: „Der Weg der Menschheit zur anständigen Gemeinschaft wird mit mancher Fuhre Erde aus dem Garten Silvio Gesells gestampft sein.“ Die Europäische Zentralbank scheint diesen unorthodoxen Trampelpfad eines geldpolitischen Außenseiters nun wirklich einschlagen zu wollen.

Tagung der Erich-Mühsam-Gesellschaft 2016

Erich Mühsam ( 1878-1934), Apothekersohn aus Lübeck, war einer der engsten Freunde von Silvio Gesell. Er wurde von den Nationalsozialisten im KZ Oranienburg ermordet.

Die Jahrestagung der Erich-Mühsam-Gesellschaft findet in diesem Jahr vom 6. bis 8. Mai in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Bad Malente statt. Ihr Thema: „Rassismus, Antisemitismus, politische Gewalt und Verfolgung — Wechselwirkungen und Widersprüche“.

Wolfgang Neskovic , ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof, ehemaliger Politiker von SPD, Grünen und Linken aus Lübeck, wird dabei über den CIA-Folterreport referieren, Titel seines Vortrags: „Der Rechtsstaat im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit“.

Die Erich-Mühsam-Gesellschaft wurde zum 111. Geburtstag Mühsams am 6. April 1989 in Lübeck gegründet.

• Internet: www.erich-muehsam.de

Freigeld: Keine Chance im NS-Reich

Nach dem Tode Silvio Gesells 1930 versuchten einige seiner Anhänger, die Ideen innerhalb der NSDAP zu verbreiten. Unter ihnen waren Wilhelm Radecke (Direktor der Reichskreditanstalt) und Theodor Benn (Bruder des Dichters Gottfried Benn). Radecke, seit 1931 NSDAP-Mitglied, hatte durch seinen alten Schulfreund Heinrich Himmler Zugang zu den oberen Kreisen der Partei, denen er das Gesell‘sche Wirtschaftsprogramm unterbreitete. Goebbels soll begeistert gewesen sein. Er habe — so die Freiwirtschaftliche Presse in ihrer Ausgabe 1/1934 — Wilhelm Radecke dazu aufgefordert, mit Hitler das Gespräch zu suchen. In den Tagebüchern Joseph Goebbels‘ finden sich ab dem 29. August 1931 mehrere positive Einträge zur Freiwirtschaft. Weitere Befürworter der Freiwirtschaft waren Ernst Röhm und Rudolf Heß. Als erbitterte Gegner erwiesen sich Hermann Göring und seine Gefolgsleute. Mit dem Reichsbankpräsidenten und späteren Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht stand Gesell seit den 20er Jahren in Verbindung. Fel

Von Christian Schwandt

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