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Wenn der Peter mit dem Wolf groovt

Wenn der Peter mit dem Wolf groovt

Prokofjews Klassiker als Jazz-Version sorgte für viel Lachen und Beifall in Lübeck.

Lübeck. Wenigstens die Katze lässt das Mausen nicht. Ansonsten geht am Ende alles politisch sehr korrekt zu in der Jazz-Version des Kinderklassikers „Peter und der Wolf“

mit der JazzBaltica All Star Band: Isegrimm hat eine Fleischallergie und züchtet bei Peter und seinem Großvater künftig Grünkohl, die Jäger hängen ihre Schießeisen an den Nagel und gründen einen Chor. Diese gewaltfreien Wendungen fanden vor allem die Erwachsen sehr lustig am Mittwochnachmittag beim Familienkonzert in der Kulturwerft Gollan. Aber auch die Kinder hatten viel Spaß an der urkomischen Vorleserin Hella von Sinnen und der hohen Gagdichte in dem musikalischen Märchen, das Sergei Prokofjew vor 81 Jahren geschrieben hat.

Der russische Komponist hatte jeder Figur ein klassisches Instrument und eine Erkennungsmelodie zugeordnet. Tini Thomsen, eine der besten Saxofonistinnen Europas und Stammgast beim SHMF, arrangierte aus dem Original eine Version für Jazzmusiker, die bereits im vergangenen Jahr im Rahmen von JazzBaltica unter großem Beifall Premiere hatte. Auch bei der Wiederholung in diesem Jahr war der Andrang groß, Eltern, Großeltern und Kinder genossen eine Stunde lang die Spielfreude aller Akteure.

Die begnadete Komikerin Hella von Sinnen zelebrierte – in weißem Overall mit roter Fliege und zurückgegeltem Haar – geradezu jeden Satz und genoss die kleinen Albernheiten in der Geschichte, die sich an eine Version von Loriot anlehnte. Etwa wenn der Wolf vor Stress kreisrunden Haarausfall bekommt oder die Ente allen die Zunge herausstreckt, was von Sinnen natürlich auch genüsslich tat und damit verlässlich Kinderlachen erntete. Neun Musikerinnen gaben den Figuren ihre musikalische Stimmen: das Sopransaxofon zwitscherte für den Vogel, das Tenorsaxofon verlieh der Katze Geschmeidigkeit, Peter hüpfte mit Trompetenklängen über die Wiese, die Jäger kamen mit der Posaune, der Großvater mit Klavier und Bass, die Ente schnatterte mit dem Baritonsaxofon, und der Wolf schlich sich mit Tini Thomsens Bassklarinette an. Die einzelnen Motive blieben klar erkennbar, als die anderen Instrumente einstiegen und die Melodien variierten und alle zusammen groovten. Dass die Musikerinnen – bis auf den Wolf – in angedeuteten Kostümen auftraten, erleichterte den Kindern die Zuordnung. Man spürte, dass die Chemie zwischen der Vorleserin und den Musikerinnen stimmte, Wort und Musik befeuerten sich gegenseitig und die Spannung riss nicht ab.

Dass die Story dann am Ende ein wenig vom Original abwich, führte bei manch kleinem Zuhörer zur Frage: Was ist denn nun die echte Geschichte? Die Antwort ist, dass es inzwischen recht viele Varianten des Klassikers gibt: Bereits 1966 arrangierte und dirigierte Oliver Nelson eine Jazzversion, eine Rockvariante folgte 1975, und die britische Regisseurin Suzie Templeton gewann mit einer modernen Interpretation der Geschichte 2008 den Oscar für den besten animierten Kurzfilm.

Für Tini Thomsens leichtfüßiges Arrangement und von Sinnens leidenschaftliche Interpretation gab es in Lübeck donnernden Applaus. Und wem das Ende zu versöhnlich geraten war, der konnte sich immerhin noch an die Katze halten: „Wenn das hier Sitte wird, dass alle Raubtiere kein Fleisch mehr fressen, dann wandere ich aus.“

Petra Haase

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