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Wenn ein neuer Gott erscheint

Lübeck Wenn ein neuer Gott erscheint

Reizvolle Kombination aus Komödie und Tragödie: Aurelia Eggers inszeniert im Theater Lübeck die Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss.

Turbulent geht es zu im Vorspiel zur Oper: Man trägt sich auf Händen und wünscht sich dabei das Schlechteste.

Quelle: Jochen Quast

Lübeck. Mit einer der weniger bekannten Opern von Richard Strauss eröffnet das Theater Lübeck am Sonnabend die Spielzeit 2016/17. „Ariadne auf Naxos“, in der revidierten Form 1916 in Wien uraufgeführt, war die dritte Zusammenarbeit von Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Es ist eine „Oper in einem Aufzuge nebst einem Vorspiel“ – dieser Einakter aber hat es in sich. In Lübeck inszeniert Aurelia Eggers „Ariadne auf Naxos“. Sie arbeitet zum ersten Mal im Haus in der Beckergrube.

 

LN-Bild

Emma McNairy stammt aus San Francisco.

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Die Regisseurin Aurelia Eggers arbeitet zum ersten Mal am Theater Lübeck.

Das Vorspiel entstand erst nach der einaktigen Oper – das ist eines der Probleme dieses Stückes, das direkt nach dem „Rosenkavalier“ entstand. Aurelia Eggers: „Man merkt es dem Vorspiel an, dass es sozusagen ,aufgepfropft‘ worden ist – das ändert aber nichts an seinem Reiz.“ In diesem Vorspiel tauchen die Figuren der Oper auf, allerdings in Person ihrer Darsteller. Es herrscht ein heilloses Durcheinander, als der Auftraggeber der Oper – es handelt sich um den reichsten Mann von Wien – befiehlt, dass „Ariadne auf Naxos“ gleichzeitig mit einer Commedia dell’arte gespielt werden soll. Der junge Komponist ist ebenso verzweifelt über diese unpassende Verbindung wie sein Musiklehrer.

„Das Vorspiel ist viel weiter entfernt vom richtigen Leben als die Oper“, sagt die Regisseurin. „Alle rennen aufgescheucht herum und treffen doch nicht den Sinn des Seins, ihres Seins. Die Oper hingegen zeigt die ganz großen Gefühle, bis hin zur Todessehnsucht der verlassenen Ariadne. Wir alle haben solche Situationen des Verlassenwerdens erlebt, das ist tatsächlich eine reale Situation.“

Und wie bringt man Vorspiel und Oper in einen dramaturgischen Zusammenhang? „Wir zeigen kein ,Theater auf dem Theater‘. Durch die Figur der Ariadne versuchen wir eine Einheit zu schaffen. Sie macht eine Wandlung durch. Nachdem sie zunächst wie ein aufgescheuchtes Huhn herumirrt, wird sie immer ernsthafter. Sie ist das verbindende Element.“

Ariadne wurde von Theseus verlassen und musste allein auf der Insel Naxos zurückbleiben. Sie hat ihren Lebensmut verloren und will sterben, um ihrem Leid ein Ende zu bereiten. Aber dann erscheint der Weingott Dionysos, sie findet in ihm eine neue Liebe und kehrt ins Leben zurück. So ist in kurzen Worten die Handlung der „Oper in einem Aufzuge“ zusammengefasst. Regisseurin Aurelia Eggers verlegt die Szenerie ans Mittelmeer, in dieser Region spielt die Geschichte von Ariadne schließlich auch. „Es ist eine opulente Szenerie, sie unterscheidet sich deutlich von dem Bilderbogen des Vorspiels“, sagt sie. „Die Oper ist wirklich dicht am Leben dran, sie zeigt unter anderem, dass man nie aufgeben soll. Und vor allem sollte man sich selbst nicht allzu ernst nehmen.“

Was die Regisseurin an diesem Stück besonders reizt, ist die perfekte Verbindung von Text und Musik. „Es ist eine in jeder Hinsicht schwierige Oper“, sagt Aurelia Eggers. „Aber Handlung und Musik gehen durchgehend Hand in Hand, das ist selten so ausgeprägt wie in ,Ariadne auf Naxos‘. Richard Strauss zitiert sich auch selbst, Anklänge an den ,Rosenkavalier‘ gibt es zum Beispiel ebenso wie an ,Salome‘. Und doch hat die Musik zu ,Ariadne‘ einen ganz eigenen Charakter.“

Stellt sich die Frage, ob „Ariadne auf Naxos“ eine Tragödie oder eine Komödie ist. Die Regisseurin: „Es ist auf dem Theater wie im richtigen Leben: Tragödie ohne komödiantische Anteile gibt es nicht, das gilt umgekehrt genauso. In dieser Oper findet sich Komödiantisches ebenso wie tiefste Verzweiflung, es sind ja eigentlich nur die beiden Seiten einer Medaille. Auch das ist etwas, was man von dieser Oper lernen kann.“

Es ist die Allianz von Vergänglichem und Stetigem, die „Ariadne auf Naxos“ so reizvoll macht. Eine schwungvolle Oper mit vielen Facetten. „Deiner hab’ ich um alles bedurft! Nun bin ich ein anderer, als ich war, durch deine Schmerzen bin ich reich, nun reg’ ich die Glieder in göttlicher Lust!“ So lauten die letzten Worte von Dionysos im Stück – alles wird irgendwie gut.

Premiere ist am Sonnabend um 19.30 Uhr.

Koloratursopranistin aus dem sonnigen Kalifornien

Emma McNairy ist die neue Koloratursopranistin am Theater Lübeck. Und sie startet ihr Engagement mit einer Glanzpartie ihres Fachs: Sie singt die Zerbinetta in Richard Strauss’ Oper „Ariadne auf Naxos“. Für die in San Francisco geborene Sängerin eine große Herausforderung: „Es ist eine schwierige Aufgabe. Ich habe die Partie schon einmal in den USA gesungen, aber heute verstehe ich sie sehr viel besser. Ich hoffe, dass man das auch hört.“ Emma McNairy studierte Gesang am San Francisco Conservatory of Music und ergänzte ihre Ausbildung bei Marilyn Horne’s Music Academy of the West, beim Carnegie Hall’s The Song Continues und der Internationalen Bachakademie Stuttgart unter der Leitung von Helmuth Rilling. Sie gastierte unter anderem an der Bangkok Oper in Thailand, in Hongkong und in Chile.

Vom Theater Lübeck hatte sie schon vor ihrem Engagement gehört: „Das Haus hat einen sehr guten Ruf, und ich bin sehr froh, hier mein erstes Festengagement bekommen zu haben“, sagt sie. „Ich fühle mich auch sehr wohl hier, es herrscht eine sehr kollegiale Atmosphäre.“ Neben der Partie der Zerbinetta wird Emma McNairy in dieser Saison auch in „Tosca“, „Ariodante“ und „Die Reise nach Reims“ zu hören sein.

 Jürgen Feldhoff

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